Dienstag, Juni 02, 2015

Empörung über die Empörten, ist das nicht empörend?

Nirgendwo empört es sich so gut wie im Internet, in den sozialen Medien. Bräuche man sonst Dutzende Telefonate, um sich mit Gleichgesinnten in größerer Zahl so richtig aufzuregen, reicht heute ein Tweet. Was sonst am Telefon dem Fernmeldegeheimnis unterliegt, geschieht auf Twitter öffentlich, und jede und jeder noch so Unbekannte, aber Gleichgesinnte kann an der Eskalationsschraube noch ein zwei Umdrehungen zufügen. Bis regelrechte Vernichtungsphantasien aufkommen.

Und hier wird eine moralische, nicht nur feuilletonistische Grenze überschritten. Denn wenn man im Gespräch unter Freunden sagt: 'für den Kerl wäre ein Auftragskiller die beste Lösung' - oder 'diesem Weib sollte man ihren Job wegnehmen und das andere machen lassen' - dann ist und bleibt das im Privaten. Jeder weiß, der andere versteht das richtig. Bei öffentlichen Äußerungen ist das anders. Wenn man auf den Straßen über Walter Ratheau "knallt sie ab die Judensau" singt, kann es irgendwann irgendwen geben, der das wörtlich nimmt.

So weit hergeholt ist das nicht. Schön öfter gab es nach einem "Shitstorm" im Internet personelle Konsequenzen in Redaktionen oder Untermehmen. Es gab Drohgebärden die erkennbar nicht nur symbolisch gemeint waren, die mit Veröffentlichung von Privatadresse, Arbeitgeberinformationen usw. direkt darauf gerichtet waren, das Sicherheitsgefühl der betroffenen Person erheblich zu beeinträchtigen.

Wenn man die Empörten fragen würde: Ist es richtig, dass Menschen nur wegen ihrer Meinung beschimpft, beleidigt, bedroht womöglich entlassen oder körperlich angegriffen werden - sie würden es im Brustton der Überzeugung verurteilen. Meinungsfreiheit ist ihnen ein hoher Wert (sie nutzen diese Freiheit auch täglich), und diesen Wert mit Füßen zu treten ist moralisch verwerflich.

Und doch tun sie es, und fühlen sich im Recht dabei, und zwar nicht nur juristisch, sondern auch moralisch. Weil die Empörung als solches gerechtfertigt ist, wenn es um grundsätzlich schützenswerte Minderheiten und Gesellschaftsgruppen geht. Deshalb funktioniert das Prinzip bei Juden wie bei Muslimen, bei Frauen und Kindern, bei Schwulen und Lesben, bei Depressiven oder Flüchtlingen.

Tatsächlich ist es geradezu eine Pflicht der Mehrheitsgesellschaft, die Interessen, Sorgen und Nöte von schwächeren oder benachteiligten Gruppen besonders ernst zu nehmen. Sie haben allein keine laute Stimme, sie brauchen die Empörung anderer, um gehört zu werden. Für mich als heterosexuellen, gesunden und christlichen Mann ist es deshalb völlig normal, dass ich mich für die Rechte jeder einzelnen dieser Gruppen immer wieder eingesetzt habe.

Aber es gibt einen gewichtigen Unterschied zwischen dem legitimen Einsatz für die Rechte anderer und der öffentlichen Hetzjagd gegen Einzelpersonen, denen eine kritische Haltung gegenüber diesen Gruppen oder auch nur gegen die Verteidiger dieser Gruppen vorgeworfen wird. Ersteres ist moralisch geboten, das andere eigentlich tabu. Aber in diesem "eigentlich" steckt das Dilemma. Denn nicht nur die Angreifer selber fühlen sich im Recht, sie dürfen sogar auf kopfnickendes Verständnis, auf Faves, Likes, Shares und Mentions hoffen. Und zwar nicht nur vom Pöbel.

Ich bezeichne das als parasitäre Legitimität. Das legitime Interesse von Gruppen, die Schutz der Mehrheit nötig haben, wird sozusagen angezapft und abgeleitet. Die Legitimität wird für etwas in Anspruch genommen, das für sich genommen böse und verwerflich ist. Das ist doppelt schlimm, denn dadurch wird nicht nur Böses im Mantel des Guten getan, nein die an sich gute Sache nimmt dadurch auch Schaden.

Um im Bild zu bleiben: Der Wirt für diese Legitimität nimmt durch den Parasitismus erheblich Schaden. Ihm wird Legitimität abgezogen , die der Parasit für sich braucht. Wer "im Namen von" Frauen, Schwulen, Lesben, Juden, Muslimen, Kindern, psychisch Kranken, Flüchtlingen usw Hass, Drohungen und persönliche Angriffe austeilt, beschädigt nachhaltig genau diese Gruppen. Denn sie werden mit diesem Hass und dieser Giftigkeit automatisch identifiziert.

Schlimmstenfalls vergiftet dieser Bosheit das gesellschaftliche Ansehen eben dieser Gruppe, und die Loyalität und Solidarität der Mehrheitsgesellschaft steht auf dem Spiel - gerade das, worauf diese Gruppe erheblich angewiesen ist.

Es ist also kein Wunder, wenn sich engagierte Frauen gegen den "Netzfeminismus" mittlerweile zur Wehr setzen. Weder der paternalistischen Anspruch, als Randgruppe nun besonderer Fürsorge zu bedürfen, scheint ihnen angemessen, noch wollen sie mit dem völligen fehlen von Stil und Anstand identifiziert werden.

Noch kuriosere Blüten treibt diese parasitäre Legitimität im Nahostkonflikt, wo selbsternannte Verteidiger Israels jedes kritische Wort gegen dies tapfere Land sofort mit Antisemitismusvorwürfen überhäufen, und umgekehrt, jede Kritik an den Palästinensern als Apartheid, Rassismus und Islamophobie eingestuft wird. Diese Debatte kann völlig ohne Beteiligung von Israelis und Palästinensern selber nur unter ihren Fürsprechern alle Eskalationststufen durchlaufen.

Nur um es klarzustellen: Das legitime Interesse von Minderheiten, Randgruppen, Kranken oder Benachteiligten in unserer Gesellschaft wahrgenommen und gehört zu werden steht völlig außer Frage. Und auch das Recht, ja die Pflicht von Menschen die nicht selbst zu diesen Gruppen gehören, sich für sie einzusetzen, ist meines Erachtens völlig unstrittig.

Aber gerade da sollte man in der Wahl der Worte, im Einsatz der Mittel besonders behutsam sein, weil man eben wissen muss, dass jede Grenze des Anstands und der Moral überschreitendes Auskeilen letztlich nicht nur auf einen selbst, sondern auch auf die Gruppe zurückzufallen droht, die man doch verteidigen will. Vom Schaden beim Gegenüber mal ganz abgesehen.

Wie heißt es so schön in einem Kinderbuch:
"Gut gesprochen, Herr Ritter", sagte der Narr. "Wenn ihr nur daran denkt, dass, wenn Ihr gegen das Böse zu Felde zieht, Ihr selbst nicht automatisch die Guten seid!"
Tonke Dragt

Heidelbaer