Samstag, März 28, 2015

4U9525 - Brief an die Angehörigen

Flugzeug über der Kirche Großsolt - Foto: Anja Telkamp

 Liebe Angehörige,

es ist furchtbar was passiert ist, unfassbar, unbegreiflich. Die Frage nach dem Warum ist genauso quälend, wie die hektische Suche der Öffentlichkeit nach Gründen, Motiven und möglichen Ursachen für die Katastrophe. Und die ist für Sie eben kein epochales Unglück der deutschen Luftfahrtgeschichte, sondern eine ganz individuelle, persönliche Tragödie, das Zerbrechen von ganzen Lebensentwürfen, der unersetzliche Verlust von unschätzbar wichtigen und wertvollen Menschen.

Auch als erfahrener (Notfall-)seelsorger maße ich mir nicht an, auch nur ansatzweise zu ermessen, was Sie gerade durchmachen. Achten Sie deshalb auf sich selbst. Lesen Sie (das gilt auch diesen Beitrag) nur das, was Ihnen gut tut, schalten Sie sonst Fernsehen und Radio ab, schmeißen Sie die Zeitung ins Altpapier, und beschränken Sie den Gebrauch des Internets auf das Notwendige. Vielleicht hilft Ihnen aber auch der eine oder andere Artikel, Worte zu finden für das Unsagbare, Erklärungen zu finden für das Unbegreifliche.

Je nach dem, wie unmittelbar sie betroffen sind, was für ein Typ Mensch Sie sind, ist Ihre Art, Trauer und Verlust zu verarbeiten unterschiedlich, und darf das auch sein. Das bedeutet letztlich, dass Sie selber die Architekten sind, eine Brücke über die die garstig tiefe, breite und auf den ersten Blick unendliche Lücke  in Ihrem Leben zu konstruieren. Aber wenn ich Ihnen ein Wort des Trostes sagen darf, als jemand, der von außen zu Ihnen spricht: Das Leben ist größer als die Lücke darin. Das liegt schon im Wortsinn des Wortes.

Versuchen Sie zunächst diese Ränder zu stabilisieren, dass Ihnen nicht das ganze Leben in die Lücke rutscht. Halten Sie das Leben, das noch da ist, fest. Blicken Sie bewusst auf die Menschen, die noch da sind, die auch wichtig sind und für die Sie wichtig sind. Andreas Lubitz hat eine Entscheidung für den Tod getroffen, für sich und 149 andere Menschen. Treffen Sie eine Entscheidung für's Leben. So schwer das angesichts des Todes ist, es ist die richtige.

Und seien Sie gewiss, bei aller öffentlichen Aufregung, bei manchen Entgleisungen und Geschmacklosigkeiten: Ganz, ganz viele Menschen in Deutschland denken an Sie, in Stille und Solidarität, in Gebeten und Gesten. Abseits der lauten und zuweilen schrillen Töne der Internetwelt gibt es ganz viel davon, auch in unseren Kirchen wird am Sonntag in Predigten und Gebeten an Sie gedacht werden.

Auch wenn letztlich Sie allein es sind, die Sie Ihren Weg der Trauer und Bewältigung dieses Unglücks finden und gehen müssen, sind sie dennoch nicht einsam und verlassen, sondern dürfen wissen, dass unsere Gedanken und Gebete, und wenn Sie es glauben mögen, auch ein barmherziger Gott uns ein guter Engel Sie dabei begleiten.

In herzlicher Verbundenheit grüßt Sie
Ihr Philipp Kurowski
aka Heidelbaer

Dienstag, März 03, 2015

Offener Brief an die LINKE.

Liebe LINKE Politiker. 

Ich habe dieses Interview von Europaparlamentarier Helmut Scholz, für Die Linke stellvertretendes Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Europäischen Parlaments im Deutschlandfunkt gehört. Es beginnt damit, dass Scholz die Frage nach der Verantwortung des Kreml für den Mord zurückweist. Das sei für die notwendigen Ermittlungen in alle Richtungen schädlich.

Er stellt es so dar, als würde es solch offenen Ermittlungen geben. Dabei ist es die russische Regierung selbst und es sind die mit ihr verbundenen Staatsmedien die massiv Spekulationen verbreiten und eine ganze Wolke von "BullshitFog" zu produzieren. Selbst die absurdesten Verschwörungstheorien werden noch als plausible Möglichkeiten präsentiert .

Scholz' Bemühen, die russische Regierung als gutwilliges, unschuldiges Opfer von Situationen und Verhältnissen zu präsentieren, die andere zu verantworten haben, prägt das ganze Interview. Das erlebt einen skurillen Höhepunkt, als er doch tatsächlich behauptet, die Opposition, ja sogar Boris Nemzow persönlich, sei ganz entschieden mitverantwortlich "für den innergesellschaftlichen Konflikt in der russischen Gesellschaft, dass keine eindeutigen gemeinsamen Lösungswege für eine Modernisierung der russischen Gesellschaft gelegt werden konnten."

Auf dem gleichen Niveau bewegt sich die von euch immer wieder aufgestellte Behauptung dass die Ukrainischen Faschisten und die NATO die russische Invasion in die Ukraine samt völkerrechts- und vertragsbrüchiger Annexion der Krim und Destabilisierung des Ostens mit ihrer Einkreisungspolitik zu verantworten habe. Schuld sind immer die anderen, und im Zweifelsfall das Opfer.  

Victim-Blaming ist sonst kein Kennzeichen linker Politik, linker Gesinnung, linker Moral. Linke versuchen sich normalerweise stets auf die Seite der Opfer zu stellen, und erheben ihre Stimme gegen die Mächtigen, gegen die Gewaltherrscher und für die Oppositionellen, für die Revolutionäre, für die Menschen auf den Barrikaden. 

Nur für die Ukraine und die russischen Oppositionellen gilt das offenbar nicht. Und das liegt keineswegs daran, dass die möglicherweise zu rechts sind. Denn die Syriza "Rebellen" haben eure volle Solidarität und ungeteilte Liebe, auch wenn sie mit rechtsnationalistischen Populisten vom Format Haiders, LePens oder Farrage regelrechte Koalitionen eingehen.

Nein, es ist eure Liebe zu Moskau, zum Kreml, zu Putin. Der ist zwar selber auch stramm rechts, ultranationalistisch und autoritär - aber alte Liebe rostet offenbar nicht. Dass die SED eine von Moskau aufgebaute und alimentierte Schein-Partei war, ist mir bekannt. Ich muss aber auch einsehen, dass die WASG mit ihrem Staubsaugereffekt auf altlinke Kader aus Westdeutschland eine Menge Menschen mit hervorragenden Moskau-Kontakten aufgesogen hat.

Das wird jetzt euer Problem. Es gibt in eurer Partei einen harten Kern von Leuten, die haben direkte Verbindungen zum Kreml und damit auch zu seinen Diensten für Informationsbeschaffung und Desinformationsverbreitung. Es gibt dann eine ganze Menge weitere Leute, die einfach aus traditionellem Anti-Amerikanismus heraus alles gut finden, was antiwestlich ist. Und sei es noch so kriegstreiberisch und brutal. Selbst die Leiche eines (weiteren) Oppositionellen auf Moskaus Straßen irritiert sie da nicht nachhaltig.

Dieses Denken ist gestrig. Ich persönlich blicke mit Abscheu auf die Schurken, mit denen die USA, der Westen gemeinsame Sache machte. Ich frage mich ernsthaft, ob das richtige Ziel, den Sowjet-Stalinismus einzudämmen, wirklich diese faulen Kompromisse rechtfertigte. Und in vielen Fällen lautet die Antwort: Nein. Um so unverständlicher ist es für mich, wenn ihr weiter Leuten wie Putin alles durchgehen lasst, einfach weil er "gegen" die USA ist.

Und jetzt eine ganz harte Wahrheit für euch. Putin ist ein falscher Freund. Kann sein, dass er euch noch Geld gibt, kann sein, dass es immer noch politische Fortbildungen, Rhetorikschulungen und andere tolle Angebote für die Partei gibt. Kann sein, dass er einzelnen Individuen von euch persönliche Vorteile verschafft. Aber in Wahrheit mag er euch nicht. Kein bisschen.

Ihr habt immer noch nicht begriffen, dass die deutschen Edelkommunisten als erstes von Stalin erschossen wurden, als er Berlin unter Kontrolle hatte. Für Putin seid ihr nur nützliche Idioten, er findet die Rechten viel sexier. Und entweder prostituiert ihr euch wie Syriza und geht mit den Rechten ins Bett, weil Putin es zahlt, oder ihr werdet irgendwann fallengelassen wie eine vergammelte Frucht.

Und eure Genossinen und Genossen, die heute schon wagen, mal etwas gegen Putin, für die Ukraine oder für Israel zu sagen, die werden gemobbt und zur Parteidisziplin gerufen. Während andere fröhlich jede Solidarität vermissen lassen, und die Partei zu einem Hort oder zumindest Partner von Verschwörungstheoretikern, Antisemiten und nationalen Querfrontstrategen machen. 

Ihr glaubt vermutlich, dass ihr diese Leute braucht, dass dieses Spektrum ja auch irgendwie bedient werden muss, und dass jede Partei ihre Wirrköpfe hat. Nur wenn solche Leute dann in Parlamenten sitzen, in Ausschüsse gewählt werden und Interviews geben, dann prägt es das Bild eurer ganzen Partei. Das liegt auch an der Leitung.

Eure Parteiführung schafft es nicht, deutliche Grenzen zu ziehen, und wo sie es versucht, finden sich daraufhin Videos im Internet, die auf jeder Schule unseres Landes zum Schulverweis und zu einem Strafverfahren wegen Mobbings geführt hätten. Nur wurde es nicht auf dem Schulflur aufgenommen, sondern im Deutschen Bundestag. Und statt eines pickeligen Pennälers war Gregor Gysi in der Hauptrolle.

Schämt sich da noch wer? Wann beginnt bei euch ein absolut notwendiger und überfälliger Klärungsprozess, wer und was eigentlich sich noch "links" im Sinne von "die LINKE" nennen darf, und was einfach nicht mehr dazu gehört? Ich kenne aufrechte linke LINKE, die fühlen sich mehr und mehr von ihrer Partei entfremdet. Ich glaube nicht, dass eine Spaltung der Partei verhindert werden kann, in dem man immer allen alles durchgehen lässt.

Mit freundlichen Grüßen
Heidelbaer