Montag, Februar 23, 2015

Das große Unbehagen

Was ist eigentlich los mit der Welt? Wie soll das enden? Wo stehen wir? 

Spätestens mit dem Krieg in der Ukraine ist es gekommen: das große Unbehagen, die Gewissheit in einer Phase des Umbruchs zu leben. Mit Fragen in Situationen konfrontiert zu sein, die einen rat- und sprachlos werden lassen. Es ist das Unbehagen wenn ein Weltbild zerbricht.

Denn das Böse ist zurück. Wir hatten es überwunden geglaubt. In den Kirchen wird der liebe Gott gepredigt. Verschwunden sind Teufel und Hölle, Sünde und Gericht. In der Justiz hat Resozialisierung Strafe und Rache abgelöst, in der Pädagogik wird erklärt und diskutiert statt diktiert und sanktioniert. Und in der Politik suchen wir Konsens und Kompromiss. Verstehen statt verurteilen heißt die Formel.

Und wir fahren gut damit. Unser Land erlebt die sichersten und friedlichsten Zeiten seiner Geschichte, nie waren wir reicher, nie waren wir freier, nie ging es uns besser. Deshalb nehmen wir weniger die Einzeltäter, die sich falsch verhalten als Bedrohung wahr, sondern eher so, die diese Ordnung als solche infrage stellen. Einen Amokläufer wollen wir verstehen, die Leute von Pegida nicht.

Mit Putin wurde alles anders. Denn wir erleben, wie unser Verstehen-Wollen, wie unsere Kompromisssuche keine Wirkung zeigt, keinen Frieden bringt. Im Gegenteil, die andere Seite scheint dieses Bemühen eiskalt einzuberechnen, um mit nackter Gewalt Boden gut zu machen, Städte und Regionen militärisch zu erobern, während wir von Waffenstillstand und Verhandlungslösung reden.

Hier begegnet uns beides in einem: der Bruch und die radikale Infragestellung unserer Friedensordnung. Das Entfesseln von kriegerischer Gewalt und die freche Behauptung der Überlegenheit. Wir spüren, dass wer jetzt noch Verständnis predigt in Wahrheit vor der Gewaltanwendung kapituliert. Und wir ballen die Faust in der Tasche. 

Aber wir wollen uns nicht schlagen. Es ist uns zuwider, und wir wissen, dass ein Krieg alles vernichten kann wofür zu kämpfen lohnte. Wir wissen, dass alle die anderen Wege der Konfliktbewältigung, die wir mühevoll gelernt, erfolgreich ausprobiert und tapfer gegen Idioten verteidigt haben, um Längen besser sind.

Dass jemand nicht aus Dummheit, nicht aus Unkenntnis, sondern aus klarem Kalkül alle diese Mechanismen aushebelt und die Tore zur Hölle öffnet, die wir geschlossen, versiegelt und vergessen haben, macht uns Angst. Oder Unbehagen. Großes Unbehagen.

Heidelbaer

Dienstag, Februar 17, 2015

Alternativen. Jetzt!

Es ist nicht mehr auszuhalten. Da werden Waffenstillstandsverhandlungen geführt in Minsk. Statt dass für die Dauer der Verhandlungen eingefordert wird, dass während der Gespräche die Waffen schweigen, wird akzeptiert, dass weitergeschossen wird. Und als die Vereinbarung geschlossen wird, gibt man den Parteien sogar noch anderthalb Tage Zeit, das Feuer einzustellen.

Der Sinn war wohl, dass die russische Seite (das "pro-" darf man wohl guten Gewissens mal weglassen) sicher war, binnen dieser Frist die eingekesselte Stadt Debalzewe eingenommen zu haben. Das ist ihnen nicht gelungen, deshalb gibt es auch nur eine Feuerpause, die "weitgehend" eingehalten wird, nämlich mit Ausnahme von Debalzewe. Dessen Einnahme wird für heute erwartet, so veröffentlichen es die Sprecher der Milizen.

Am zweiten Tag eines mit viel diplomatischem Aufwand und in Gegenwart von Regierungschefs und Außenministern abgeschlossenen Waffenstillstand die Einnahme einer Stadt zu vermelden, ohne rot zu werden hat schon eine gewisse Chuzpe. Aber genau darauf können sich die Russen verlassen. Die nun "begradigte" Front wird nun im Westen Hoffnung wecken, dass nun, endlich doch ein echter, wirklicher, realer Waffenstillstand eine Chance hätte.

Hat er nicht. Aber wir sollen es glauben, schlimmer: wir wollen es glauben. Weil es uns an Alternativen fehlt. Wir weigern uns, überhaupt zu denken, was eine Alternative überhaupt bedeuten könnte. In der Tat sind mögliche Alternativen schrecklich, sie sind riskant, sie sind teuer. Waffenlieferungen könnten eine gefährliche Eskalation bedeuten. Wirklich einschneidende Sanktionen könnten Putin stürzen.

Alle Alternativen könnten uns näher an das Schreckensszenario eines Dritten Weltkrieges mitten in Europa heranführen, als uns lieb sein kann, lieb sein darf. Deshalb tun wir lieber so, als existierte diese Alternative nicht. Das ist auch vernünftige Politik denn, niemand, wirklich niemand darf ernsthaft wollen, dass sich die NATO in einen Krieg gegen Russland stürzt. Oder dass dieses atomwaffenstarrende Riesenreich komplett destabilisiert wird.

Doch was wäre, wenn die Gegenseite um diese Vernunft weiß? Wenn sie einfach darauf spekuliert, dass es auf der westlichen Seite keine "flexible response" mehr gibt, sondern eine auf Appelle, Sorgen und Sanktiönchen gedrosselte Deeskalationspolitik ohne Alternative? Sie gewönne die Freiheit, in der Eskalation immer zwei Schritte vor und einen zurück gehen zu können, um mit Ersterem faktisch Boden gut zu machen, mit Letzterem die Logik des Westens zu bedienen, dass ein kleiner Fortschritt bei Verhandlungen ja immer noch besser sei als gar keiner.

Das Ergebnis sehen wir auf dem Boden der östlichen Ukraine. Reguläre russische Truppen kämpfen ukrainische Verbände nieder und machen Kilometer um Kilometer Boden gut. Der Einsatz von Invasionstruppen zeigt, wie weit Moskau dem Westen an Eskalationsstufen schon voraus ist. Der Westen hat sich noch nicht mal auf Waffenlieferungen verständigen können, da rollen schon Panzer, Luftabwehrbataillone und Raketenwerfer Russlands auf den Straßen des Nachbarlandes.

Das alles ist x-fach nachgewiesen, auf Videos dokumentiert, von Satelliten aufgezeichnet und wird vor Ort auch von kaum jemandem noch bestritten. Diese Eskalationsstufe kann sich nur leisten, wer sich darauf verlässt, dass die Gegenseite nicht bereit ist, auf gleicher Ebene zu reagieren. Ja nicht mal Waffen zu liefern, die dieses Kampfgeräte zum Teil neuester Generation überhaupt wirksam bekämpfen können. Im Gegensatz zu Moskau ist der Westen kalkulierbar.

Die Wirkung ist aber nicht nur auf dem Boden verheerend, sondern auch in der Diplomatie. So sehr Moskau sich auf den Westen verlassen kann - so wenig dürfte die Ukraine dies tun. Sie ist vom Westen abhängig, weil sie allein gegen Russland nicht bestehen kann, weil sie Finanzhilfen und diplomatische Rückendeckung braucht.

Sie wird deshalb in die Eskalationslogik mit hineingezwungen, bis heute gilt kein Kriegsrecht in den östlichen Provinzen - wobei man sich fragt, wofür sonst dieses Recht eigentlich da sein soll, wenn es nicht einmal bei einer feindlichen Militärinvasion zum Tragen kommt. Die ukrainische Seite wird in Verhandlungen genötigt, die sie unter Feuer führen soll, deren Bedingungen sie einhalten soll, während der Feind ungerührt ihre eigenen Soldaten und Zivilisten abschlachtet.

Sie wird damit für ihre eigene Bevölkerung unglaubwürdig, die Bereitschaft der Ukrainer, die Einheit ihres Landes zu verteidigen sinkt rapide, weil ihre eigene Regierung es damit offensichtlich nicht ernst meint und der Westen sich nicht als wirklicher Freund des ukrainischen Volkes erwiesen hat. Es stapeln sich enttäuschte Hoffnungen, gebrochene Versprechen (von den Garantieerklärungen des Budapester Memorandums angefangen bis zu den Minsk Protokollen 1 und 2 und wer weiß wieviele noch folgen).

Die Folgen können verheerend sein, der Verrat Europas an denen, die bereit waren für seine Werte zu sterben wiegt schwer. Die offenbarte Ohnmacht des Westens, seine kalkulierbare Weigerung selbst diplomatische Demütigungen und militärische Kriegsverbrechen angemessen zu vergelten, schwächen seine Position und damit auch die Kraft seiner Worte und Werte. Das, genau das bringt die Nachkriegsordnung ins Wanken, die man mit dieser Beschränkung auf Diplomatie doch erhalten möchte.

Es hilft nichts. Wir müssen lernen, Alternativen zu denken, sie auszusprechen, und der Gegenseite klar ins Gesicht zu sagen. Es muss etwas kosten, uns zu belügen, es muss etwas kosten, Abkommen nicht einzuhalten, es darf nicht folgenlos bleiben ein Nachbarland mit Truppen zu überfallen und Gebiete zu besetzen. Nicht in Europa.

Ich befürworte ein Minsk 3. Ich will eine diplomatische Lösung des Konflikts. Aber für Minsk 3 müssen klare Bedingungen formuliert werden. Es wird nicht unter Feuer verhandelt. Die Vereinbarungen werden sofort implementiert und umfassend kontrolliert. Ein Bruch hat klare, definierte und schmerzhafte Folgen für die entsprechende Seite. Dies könnte ein Rohstoffboykott, Waffenlieferungen und sogar personelle Unterstützung durch Ausbilder o.ä. der Ukraine bestehen.

Es wäre dann an Putin, in der Eskalation mal zwei statt nur einen Schritt zurückzugehen. Dann kann man auch wieder auf Augenhöhe verhandeln. Der Westen, Europa, darf sich aber nicht zum Popanz machen lassen. Um des Friedens willen.

Heidelbaer

Donnerstag, Februar 12, 2015

#ChapelHillShooting

Die Wellen schlagen hoch. Der Hashtag #ChapelHillShooting erreicht auf Twitter international Bestmarken. Es ist also ein Diskussionsthema ersten Ranges auf den sozialen Netzwerken. Mittlerweile sind auch Zeitungen und Fernsehen aufmerksam geworden.

Was ist passiert? Drei junge Menschen, Studentinnen und Studenten am Chapel Hill Collage wurden brutal ermordet, ja regelrecht hingerichtet, aus nächster Nähe in den Kopf geschossen. Ganz üble Sache.

Nach ersten Ermittlungen ging es wohl um einen Parkplatzstreit, bei dem ein Verrückter die Nerven endgültig verloren hat, und ein Massaker anrichtete. Da aufgrund des weitverbreiteten Waffenbesitzes in den USA immer wieder Verrückte scheinbar harmlose Streitigkeiten in einem blutigen Gemetzel enden lassen, war das alles keine Sondermeldung wert.

Doch dann stellte sich heraus, dass die Opfer allesamt Muslime waren, und der Täter auf Facebook religionsfeindliche Kommentare hinterlassen hatte. Nicht konkret auf seine Nachbarn bezogen sondern ganz allgemein. Juden, Christen, Moslems - von denen hielt er nichts.

Nun lief eine Empörungswelle an, ob dieser grausame Mord nur deshalb keine Meldung wäre, weil diesmal die Opfer Muslime wären und nicht der Täter. Man stellte massenhaft herzzerreißender Bilder der Opfer ins Netz, als Spendensammler für Hilfsorganisationen, als Brautpaar usw.

Auch von liberaleren Muslimen wurde laut die Frage gestellt, warum hier keine Sondermeldungen, keine Solidaritätskundgebungen, keine Distanzierungen der christlichen Kirchen oder jüdischen Gemeinden erfolgten. Und wo die Grenze zwischen Hasspredigt und Meinungsfreiheit wirklich verlaufe.

In der ganzen Emotionalität scheinen mir wichtige Grenzen zu verwischen, und ich versuche eine vorsichtige Klarstellung:

Erstens: Mein tief empfundenes Mitgefühl und mein Gebet gilt den Opfern und ihren Angehörigen. Der Verlust von Menschenleben ist unersetzbar, die Grausamkeit, Eltern ihre Kinder beerdigen zu lassen ist unvorstellbar.

Zweitens: Dieses abscheuliche Verbrechen ist ohne wenn und aber zu verurteilen. Der Täter befindet sich in Haft, er wird wahrscheinlich hart bestraft oder für den Rest seines Lebens in psychiatrischer Behandlung bleiben müssen.

Drittens: Es ist bei aller Erschütterung über diese Gewalt zunächst das Ergebnis der Ermittlungen abzuwarten. Hierzulande in Erinnerung ist noch der Fall Khalid Idrissi, der am Ende auch ein "normales" Verbrechen war und kein politisch motivierter Mord oder Terror. Es gibt wirklich ein zu früh der Empörung. (Das sagen wir hier auch selbstkritisch)

Viertens: Falsche Vergleiche muss man auch zurückweisen dürfen. Dass der Tod der drei Studenten jetzt mit dem Mord an den Karikaturisten von Charlie Hebdo auf eine Stufe gestellt wird, ist einfach falsch. Selbst wenn sich bewahrheiten sollte, dass es sich um ein Hate-Crime handelte, war es ein Nachbarschaftsdelikt und kein geplanter und militärisch durchgeführter Terrorangriff.

Fünftens: Die muslimische Gemeinde darf auf keinen Fall wieder in den Opfergestus zurückfallen (Deniz Yücel nennt das "Dauerbeleidigtsein"), um damit die Krise ihrer eigenen Religion kleinzureden, und sich stattdessen in Verschwörungstheorien zu ergehen. Denn dies ist der eigentliche Nährboden für Extremismus und Terrorismus.

Sechstens: Man muss es aushalten, dass es für den islamistischen Terror derzeit nichts Vergleichbares gibt. Es werden bei einem Mord an Muslimen nirgendwo Straßenfeste gefeiert und Süßigkeiten verteilt, es gibt keine rivalisierenden Gruppen die sich darin überbieten, die Verantwortung für die Tat übernehmen zu wollen. Es gibt kein christliches oder heidnisches Pendant zum Ruf "Allah akhbar".

Siebtens: Sollte es wirklich ein Hassverbrechen sein, sitzen Juden, Christen und Muslime in einem Boot. Denn der Hass, zum Teil auch durch islamistischen Terror erst provoziert wurde, trifft uns gleichermaßen. Denn wenn der Täter alle Religionen gleichermaßen hasste. hätten seine Opfer auch fromme Baptisten oder orthodoxe Juden sein können.

Heidelbaer

PS.: Dieses "in einem Boot sitzen" bedeutet auch, dass Christen selbstverständlich mit Muslimen gemeinsam gegen Hass-Reden sowohl von islamistischer, wie auch von vermeintlich "islamkritischer" Seite aufstehen müssen. Wie es hier in Deutschland z.B. gegen Pegida auch passiert. In den USA ist die Situation (Stichwort FoxNews) leider zum Teil anders.

Sonntag, Februar 08, 2015

Offener Brief an den NDR Rundfunkrat

Betrifft: Günther Jauch.

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Verwunderung nehme ich zur Kenntnis, dass Sie zur Sendung Günther Jauch offenbar nur eine Ex-Korrespondentin und einen Ex-General und eine Ex-Botschafter einladen wollten. Einzig amtierender Politiker mit zugegebenermaßen bescheidenem Verantwortungsbereich ist Martin Schulz.

Haben Sie nicht ausgewiesen gute Korrespondenten in Ihrem Team? Ina Ruck, Udo Lielischkies und die jüngst auch ausgezeichnete Golineh Atai? Menschen, die sich der Hitze des Konfliktes aussetzen und nicht Ratschläge aus sicherer Distanz geben?

Wo sind aktive Politiker, die hier etwas zu entscheiden haben in diesem Konflikt, Botschafter, die wirklich eine Regierung vertreten?

Und zuletzt: Wo, zum x-ten Mal, wo sind ukrainische Vertreter? Warum sieht man ausgewiesen kritische und kluge Köpfe wie Maxim Eristavi von hromradske.tv nie im deutschen Fernsehen?

Oder telegene und deutschprachige Leute wie Marina Weisband? Meinetwegen Klitschko?

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe überhaupt nicht den Anspruch, gegen ein Heer von Russland-Trollen gegenanzuschreiben, das ist zwecklos.

Die deutsche Befindlichkeit ist aber momentan gefährlich russlandfixiert. Das ist altes Großmachtdenken, das Putin wunderbar in den Kram passt, der ein Europa der starken Nationen errichten will.

Auf dem Rücken der Schwachen. Das sagt er nicht, aber das tut er, mit Panzern und Raketen, in Georgien, in der Ukraine, mit Provokationen gegen das Baltikum und Kraftmeierei gegen die NATO.

Deutschland hat sich entschieden einen anderen Weg zu gehen, Deutschland will auch den kleineren Nachbarn auf Augenhöhe begegnen, will ein Europa des Konsenses und des Miteinanders.

Deutschland darf nicht polnische und baltische Sorgen in den Wind schlagen, darf keinen deutsch-russischen Ausgleich auf Kosten der Ukraine suchen.

Das wäre auch Verrat an genau den Werten, die Europa im Westen zusammenhalten. Nämlich auch kleinen Völkern und Staaten eine Stimme zu geben, statt auf Gewalt der Großen, den Konsens des Ganzen zu suchen.

UKIP, FN und auch AfD und PEGIDA wollen das anders. Es ist aber geradezu eine Aufgabe unserer Staatsräson (und damit auch Aufgabe öffentlich-rechtlichen Rundfunks), diese Werte gegen Angriffe von innen wie außen mutig und kraftvoll zu verteidigen.

Und zum Schluss gebe ich Ihnen noch die Antwort auf Ihre Frage, auf wen Putin noch hört: In seinem Großmachtdenken sicherlich nicht auf Deutschland (anders als die USA, die deutsche Bedenken bei der Stationierung der Raketenabwehr und der NATO Mitgliedschaft Georgiens und der Ukraine).

Putin hört nur - und das ist problemlos beweisbar - nur auf die Vereinigten Staaten von Amerika. Wenn man in Washington nur laut nachdenkt die Ukraine zu bewaffnen entsteht plötzlich Bewegung am Verhandlungstisch.

Einzig Barrack Obama mit der vollen Wucht der wirtschaftlichen und militärischen Stärke Amerikas hat von Putin aus das Recht, ihm reinzureden, die anderen sind für ihn nur Froschkonzert.

Das würde sich ändern, wenn man in Europa darin einig wäre, ihn mit der vollen Wucht wirtschaftlichen Totalboykotts zu ruinieren, aber er kann sich darauf verlassen, dass das nicht passiert. Und handelt entprechend.

Leider wird die Runde, die sie eingeladen haben, weiter deutsche Sonderwege fordern - und vor allem den von Putin gehegten und gepflegten Antiamerikanismus subtil nähren. Dies ist meines Erachtens gefährlicher, als es auf den ersten Blick scheint.

Mit freundlichen Grüßen
Philipp Kurowski

philippika.blogspot.de

Montag, Februar 02, 2015

Das Ende der Geduld?

Der Krieg in der Ukraine geht weiter, und immer deutlicher ist es, dass dieser Krieg kein Bürgerkrieg ist. Auch wenn auf Seiten der sogenannten Separatisten auch eine stattliche Zahl von Ukrainern kämpfen, die im Widerstand gegen die Maidan-Revolution zu den Waffen gegriffen haben, ist jedem rational denkenden Menschen klar: Russland ist materiell, finanziell und mittlerweile auch personell das Rückgrat der selbsternannten Volksrepubliken von Donetsk und Luhansk.

Dabei setzt sich die personelle Unterstützung aus Freiwilligen zusammen (Udo Lielischkies dokumentierte, wie sie geworben, schlecht ausgebildet und bewaffnet regelrecht verheizt werden), dann bezahlten Söldnern (Kosaken, tschetschenische Veteranen) und schließlich regulären Einheiten der Armee (Fallschirmspringer, Artillerie, Luftabwehrkompanien, wohl auch Panzertruppen). Für alles gibt es Belege.

Nur durch massive Ausweitung des russischen Engagements konnte die erfolgreiche ukrainische Offensive im Sommer zurückgedrängt werden, und obwohl in dem Abkommen von Minsk das Gegenteil vertraglich vereinbart wurde, wird diese Unterstützung noch weiter ausgedehnt, so dass eine erfolgreiche Gegenoffensive im Gang ist: der Flughafen von Donetsk ist nach zähem Ringen an die russische Seite gefallen, in Debaltseve scheint sich der Kessel zu schließen.

Der Westen wirkt hilflos. In seinem Bemühen, zu deeskalieren wurde er von der russischen Seite allein gelassen. Da Putin kategorisch bestreitet, dass Russland in der Ostukraine Kriegspartei sei, umgekehrt aber der NATO vorwirft, die ukrainische Armee als "Fremdenlegion" gegen russische Interessen einzusetzen.

Die Forderung, sich mit den Separatistenführern zusammenzusetzen war eine Dreistigkeit, weil deren Machtbasis in der Bevölkerung eine pseudodemokratische Farce darstellt - und sie erkennbar keinerlei reale Unabhängigkeit von Russland hatten. Willkürliche Wechsel an deren Spitze inklusive.

Am Ende brachte nichts ein Ergebnis. Weder der Versuch Putin persönlich unter vier oder acht Augen anzusprechen, noch die Gespräche mit den sogenannten Separatisten. Weder wurde über den Ist-Zustand die Wahrheit gesagt, noch wurden für die Zukunft gegebene Zusagen eingehalten. Mit der bizarren Logik, dass russische Einheiten und Waffen ja auch nicht abgezogen werden könnten, wenn sie gar nicht da seien.

Nun zeichnet sich ein Wetterwechsel ab. Den USA reicht es offensichtlich. Die europäischen, namentlich die deutschen Friedensbemühungen, die bislang nur zu einem schleichenden Verlust von Terrain, einem erheblichen Verlust an Material und schmerzlichen Verlusten an Menschenleben geführt haben - sie werden nun als die Sackgasse angesehen, die sie immer waren.

Jetzt meldet die New York Times, in einem eigens eingerichteten Beraterstab habe man eindeutige Empfehlungen herausgegeben, die Ukraine nicht länger in diesem ungleichen Krieg allein zu lassen. Auch Waffen müssten geliefert werden. Der Zustand ukrainischer Panzerabwehrwaffen sei unterirdisch ("abysmal") und die Zahl der durch Russland in der Ukraine eingesetzten Panzerfahrzeuge groß.

Auch NATO-Partner sollten sich beteiligen, vor allem die, die noch über sowjetische Waffensysteme verfügten, die mit dem ukrainischen Material kompatibel seien. Das scheint mir ein Hinweis auf Polen zu sein, aber vielleicht auch die Balten, Tschechen und Slowaken. Mit den Ungarn wird man wohl weniger rechnen können.

Prompt propagiert Zakharshenko die Mobilisierung von 100.000 Mann - das ist eine Phantasiezahl, zumal er beteuert, diese unglaubliche Menge aus freiwilligen Bewohnern der von ihm kontrollierten Gebiete rekrutieren zu können. Aber es muss zumindest befürchtet werden, dass er den Mut zu solchen Phantastereien aus ganz konkreten russischen Hilfszusagen bezieht.

Alles sieht nach Eskalation aus, auch die Korrespondenten vor Ort berichten auf Twitter von massiven Kampfhandlungen um Donetsk, Debaltseve und anderen Frontabschnitten. Für die Ukraine könnte es nun entscheidend werden, ob die Überlegungen in Washington nun in die Tat umgesetzt werden, denn die russische "Gegenreaktion" auf diese Ankündigung könnte die stark unter Druck geratenen Verteidiger in große Probleme bringen.

Das ist auch das Problem solcher Ankündigungen: Die Reaktion findet statt, egal ob sie am Ende eingelöst werden oder nicht. Dieses für die Obama-Administration typische laute Nachdenken hat auf den Schlachtfeldern vor Ort durchaus handfeste, drastische, ja blutige Konsequenzen.

Deshalb könnte allein die Ankündigung tatsächlich ein "Game-Changer" sein. Wird sie eingehalten, dürften die Limits der russischen Kräfte gegen amerikanische Hightech-Waffen wie Drohnen, Panzerabwehrwaffen und Humvees deutlich werden. Bleibt die Hilfe aus, könnte die ukrainische Front an manchen Stellen zusammenbrechen.

Wirklich froh über die sich abzeichnende Eskalation kann niemand sein, am wenigsten die geplagten Bewohner der Kriegsgebiete. Allerdings kann man dem Westen kaum vorwerfen, nicht jeden Stein umgedreht zu haben, um einen Waffenstillstand und eine diplomatische Lösung herbeizuführen. Dies wurde ganz offensichtlich von der russischen Seite so nicht gewollt.

Ob sich dieser Willen durch Sanktionen oder härteren militärischen Widerstand erzwingen lässt, bleibt abzuwarten. Davor wird es auf allen Seiten und leider auch unter der Zivilbevölkerung noch etliche Tote geben.

Heidelbaer