Donnerstag, Januar 29, 2015

Wer es sagt, der ist es selber.

Ich kann Sie nicht mehr lesen. Diese Hasskommentare gegen Politiker, Journalisten, Blogger und ganz normale Mitmenschen. Ja, man kann sie veröffentlichen, die Schreibenden bloßstellen, der Lächerlichkeit preisgeben, die ihnen zusteht.

Hatepoetry ist ein Format, das die Würde der Beschimpften wieder herstellt, und die keifenden, geifernden, hetzenden und beleidigenden Täter in ihrer ganzen Widerlichkeit, Armseligkeit und Erbärmlichkeit zur Schau stellt. Und es geschieht ihnen mehr als recht.

Denn diese Hasskommentare sind kein Kavaliersdelikt. Die Vorwürfe sind so heftig, dass sie geeignet scheinen auch Gewaltanwendung zu legitimieren, die Beleidigungen sind so übel, dass sie das Opfer förmlich entmenschlichen, die Drohungen enthalten einen wahren, bösen Kern, das wissen wir spätestens seit dem Massaker in den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo.

Auch wenn HatePoetry brüllend komisch ist - irgendwie ist der Spaß vorbei. Gegen die Hater muss der Kampf aufgenommen werden, am besten ohne den Trollen eine Aufmerksamkeit zu schenken, die sie nicht verdient haben.

Wie das gehen kann, weiß ich noch nicht. Womöglich muss auch die Staatsgewalt konsequenter gegen Personen vorgehen, die meinen, im Schutz des anonymen Internets Grenzen auch geltender Gesetze gefahrlos überschreiten zu können.

Ich von meiner Seite will einfach nur den angefeindeten, bedrohten und beschimpften Kolleginnen und Kollegen aus der Öffentlichkeit meine Solidarität aussprechen. Und ihren Angreifern diesen Satz ins Stammbuch schreiben: Wer es sagt, der ist es selber.

Nur ein Beispiel von Jens Siegert, ein hochintelligenter, reflektierter Beobachter der Entwicklung in Russland, Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung, Büro Moskau. Menschenrechtler, Putin-Kritiker, Mensch.

Er veröffentlicht auf Facebook folgenden Kommentar, den ein gewisser "Will Turner" auf seinem Blog hinterlassen hat:
"Also sie schreiben viel und sagen so gut wie nichts aus, sie werfen eine Nebelkerze nach der Anderen. Fakt ist doch die Nah-Ost-Erweiterung wurde entgegen den ausdrücklichen Zusagen der "westlichen Wertegemeinschaft" rücksichtslos gegen die Interessen Russlands und seiner Bürger weiter betrieben. Sie scheinen ihren wahnwitzigen Unsinn tatsächlich selbst zu glauben den sie hier teilweise Schreiben. Und völlig sinnfreie Zitate die in Ihrer Auslegung in alle Richtungen 360 Grad offen sind auch noch als Fakten und Bezugspunkt heranzuziehen ist schlicht ein Zeichen von Schizophrenie. Sie tun mir leid, da sie glauben zu wissen, was sie nicht wissen können, da hierzu der Zugang notwendig wäre zu Reflektion und Empathie. Sie schmeissen mit auswendig gelernten Worthülsen um sich. Wenn sie etwas substanzielles beschreiben wollten, benötigten sie hierzu die Macht Ihnen Bedeutsamkeit, Plausibilität und Glaubhaftigkeit einzuhauchen indem sie Ihren inneren Wert und Sinn verstanden hätten. Deutsche Sprache war vor allem eine Spielwiese für echte Philosophen, Denker und Dichter, sie sprechen kein Deutsch, sie kopieren es offensichtlich nur und haben auch wirklich nicht verstanden was es heißt Deutscher zu sein und welche Verantwortung damit verbunden ist."

Ich habe diesen Kommentar dann doch kommentiert:
"Es ist so irre. Weil diese Leute eine beinahe lückenlose Selbstbeschreibung abliefern - und es nicht mal merken.
Will Turner merkt gar nicht, dass er kein Russisch kann, dass er zuhause vom PC aus meint, über Faktenwissen zu verfügen, in dem er sich von Elsässer, RT und Nostradamus seine fehlenden Parts in das eigene Weltverschwörungsideologiepuzzle liefern lässt.
Und tatsächlich pumpt er sich selbst damit zu einer Bedeutsamkeit auf, die ihm nicht zusteht. Er meint nämlich jemandem die Hefte korrigieren zu können, der mit Studium, Recherche, analytischem Verstand und divesen Kontakten versucht, eine halbwegs korrekte Lagebeurteilung zu geben und eine durchreflektierte Meinung zu äußern.
Nein Will Turner, auf dich hat niemand gewartet. Nein, es trifft alles auf Sie zu, der Vorwurf der hohlen, zusammenkopierten Phrasen, das Versagen abseits des Tunnelblickes überhaupt etwas wahrzunehmen, der sich aufdrängende Verdacht Psychopathologischer Verhaltensmuster.
Wir können das auch abkürzen mit den Worten meiner Tochter, denn Kindermund tut Wahrheit kund:
"Wer es sagt, der ist es selber"
Mit freundlichen Grüßen.
Philipp Kurowski"
 
aka Heidelbaer
 
 

Montag, Januar 19, 2015

Phillippika gegen die Islamisierung des Morgenlandes!

Der Streit um die Dresdener "PEGIDA"-Bewegung hat erheblich an Fahrt gewonnen. Dazu trugen die schrecklichen Morde von Paris bei, die nun von beiden Seiten argumentativ ins Feld geführt wurden.

Einerseits gelten sie als Beweis einer fortgeschrittenen "Islamisierung" des Abendlandes. Denn - so tönt es scheinbar logisch - nun könne jeder sehen, dass man sich auch im Herzen des Abendlandes, in Paris, nicht mehr ungestraft über das islamische Recht hinwegsetzen dürfte.

Andererseits wird auf den linken, liberalen und antinationalistischen Charakter von Charlie Hebdo hingewiesen. Die Pegida Bewegung in ihrer konservativen, nationalstaatlichen und rechten Gesinnung hätten sich die Zeichner kaum als Freunde ausgesucht.. Dies und umgekehrt zu tun, wo sie sich nicht mehr wehren können sei geradezu schäbig.

Als wäre nicht schon genug Blut geflossen stirbt am Montagabend oder in der Nacht der Eritreer Khaled I. im Innenhof eines Wohnblocks. Er wurde brutal erstochen, Brust, Hals, blutige Sache. Die Ermittlungsarbeit der Polizei ist mit schlampig wohl noch beschönigend dargestellt, in ersten Stellungnahmen wurde ein Fremdverschulden ausgeschlossen.

Wäre es nicht Dresden gewesen, und wäre es nicht Montag gewesen, wäre es schon schlimm genug gewesen. Nun aber wird (ohne jegliche Beweise) von Pegida-Anhängern der Mord in das Asylantenmilieu geschoben, die Antifa beschuldigt umgekehrt rechte Gewalttäter, die sich durch Pegida ermutigt gefühlt hätten (auch sie bleiben Beweise schuldig).

Das zunächst letzte Sahnehäubchen bedeutete nun ein komplettes Demonstrationsverbot am Montag, das Pegida genauso wie die Gegendemonstrationen betraf. Es habe konkrete Anschlagsdrohungen gegeben, demnach habe keine abstrakte, sondern akute Gefahr für Leib und Leben der Teilnehmenden bestanden, erklärte die Polizei.

Zu allem Überfluss sitzen am Tag der Absage Kathrin Oertel von Pegida und Alexander Gauland von der AfD bei Jauch in der Talkschow und erklären einem Millionenpublikum unisono:Nun sei die Scharia auch in Dresden angekommen. Deutsche Bürger müssten Einschränkungen in ihrem Grundrecht der Meinungs- und Versammlungsfreiheit hinnehmen, weil sie Angst vor radikalen Muslimen haben müssten.
Scharia in Deutschland? So weit ist es wirklich, nicht, aber die Morde von Paris, die nur den vorläufigen Höhepunkt einer Serie von Terroranschlägen gegen zuvor meist jüdische Einrichtungen waren, sie offenbaren doch eine Hilflosigkeit, die unsere offenen Gesellschaften im Umgang mit dem islamistischen Terror befällt.

 Nur ist das alles andere als eine "Islamisierung". Eine Islamisierung kann man doch nicht nennen, wen eine winzige Minderheit einer Minderheit nicht richtig kontrolliert werden kann, und deshalb Kompromisse zwischen Sicherheit und Freiheit geschlossen werden müssen. Eine Islamisierung, dann müsste über all für alle das gesamte Islamische Recht gelten.

Es müsste dann so sein, dass alle Christen in Angst leben müssten, dass Homosexuelle, Juden, Atheisten um ihr Leben fürchten müssten, dass Andersgläubige systematisch schikaniert, vertrieben oder getötet werden, bis ganze Regionen und Länder zu 100% aus Muslimen bestehen. Das ist doch unmöglich. Und das findet doch nicht statt!

Das findet nicht statt? Das ist nicht möglich? Es ist die knallharte, brutale und kaum wahrgenommene Wirklichkeit im Nahen Osten, Teilen Afrikas und auch in Ländern wie Afghanistan: Obwohl diese Regionen schon seit Jahrhunderten, teilweise seit knapp anderthalb Jahrtausenden muslimisch geprägt sind, findet die totale Islamisierung heute statt, im 21. Jahrhundert.

Am schlimmsten ist es dort, wo Terrobanden wie Al Nusrah, Islamischer Staat oder Boko Haram die Kontrolle erringen. Zeitnah zu den Attentaten von Paris fanden in Nigeria ethnische Säuberungen im ganz großen Stil statt, ganze Landstriche, Dörfer, Städte wurden entvölkert, man vermutet bis zu 2000 Tote, doch noch ist keiner dort gewesen um zu zählen.

Im Irak und in Syrien hören christliche Gemeinden auf zu exisiteren, die es seit den ersten Stunden der Christenheit dort gegeben hat, und kein Kreuzzug, kein Sarazenensturm, kein erster oder zweiter Weltkrieg konnte sie dort vertreiben. Nun werden sie ausgelöscht, verjagt, vertrieben, ermordet.

Vor diesem Hintergrund wirken die besorgten Bürger hierzulande geradezu albern in ihren Befürchtungen. Die Islamisierung findet ganz woanders statt, aber dafür mit einer Gewalt und kalten Konsequenz, dass irreversible Schäden am der Nahöstlichen und Zentralafrikanischen Kulturerbe menschlich wie materiell entstehen.

Der Nahe Osten, mit seiner Vielfalt an Religionen und Fraktionen, mit seinem Charme und seinem Flair, das sich gerade aus der Gemengelage aus Christlichen, Jüdischen und Muslimischen Traditionen ergibt . er droht aufzuhören zu existieren

Und tatsächlich erwächst daraus auch ein Sicherheitsproblem. Nicht nur durch die Flüchtlingsströme, die in ihrer Dimension destabilisierend wirken. Sondern auch durch gleichgeschaltete Staaten und Strukturen, die sich alle der Ideologie des Dschihadismus verschrieben haben.

Nur was ist zu tun? Guter Rat ist teuer, wenn vorgeblich tolerante Laizisten so brutale Despoten sind wie Assad und beinahe auch Sisi. Was tun, wenn der Islamismus dort vor Ort gewaltige Zustimmungswerte in der Bevölkerung hat? Was tun, wenn sich die Optionen Militärische Intervention über Flugverbotszone bis zum Nichtstun alle nicht bewährt haben?

Darüber wird viel zu wenig diskutiert, die Islamisierung des Morgenlandes wird beinahe wie eine Naturkastastrophe hingenommen, und stattdessen eine Gefahr für das Abendland hochgejazzt. Damit ist weder dem Orient noch uns in Europa geholfen - und den betroffenen Minderheiten schon gar nicht.

Heidelbaer

Donnerstag, Januar 15, 2015

#IchLeseLuegenpresse, weil...

...sie Morde aufdeckt, die sonst womöglich vertuscht worden wären.

Bislang gab es wenige Momente, die mein Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert haben. Verschwörungstheorien oder pauschale Verdächtigungen perlen an mir ab, weil ich es anders erlebe: In Politik, in den Medien, bei der Polizei arbeiten überwiegend Menschen wie du und ich, die einen ordentlichen Job machen, und denen dabei auch Fehler passieren können. Dann ständig böse Absichten unterstellt zu bekommen, eine womöglich geheime Agenda, eine niederträchtige Gesinnung - das ist öde, das ist billig und ja, das ist auch gemein und macht aufrechten Leuten ihre Arbeit und das Leben unnötig schwer.

Und dann das. Da wird am Morgen nach einer Pegida-Kundgebung ein farbiger Asylbewerber tot aufgefunden. Sofort widersprechen sich die Aussagen. Anwohner berichten von einer blutüberströmten Leiche, die Polizei schließt in einer ersten Stellungnahme Fremdverschulden aus. Es ist klar, wem ich zuerst glaube, nicht den durch die Pegida Demos verängstigten und vielleicht aufgebrachten Flüchtlingen, sondern den rechtschaffenen deutschen Beamten. Und ich liege falsch.

Nun geht es mir wie Sebastian Günther (den falschen Konjunktiv hat er mittlerweile korrigiert):


Vielleicht mache ich mir zu romantische Vorstellungen, weil ich zu viele Fernsehkrimis gesehen habe. Kann ja sein. Aber wenn ein Mensch tot im Innenhof liegt, und es ist ein junger Mann, dann vermute ich ja kaum, dass er an Altersschwäche gestorben ist. Außerdem muss in jedem Fall doch ein Arzt den Tod feststellen, selbst wenn er schon kalt ist, das ist in Deutschland nun mal die Regel. Dazu - man hat auch Fotos vom Fundort veröffentlicht - war ganz offensichtlich Blut zu sehen. Selbst wenn die Polizei jetzt von einem "offenen Schlüsselbeinbruch" als vermutete Todesursache redet, meint sie damit ernsthaft, ein junger Mann stolpert auf ebenem Gelände bricht sich das Schlüsselbein, und stirbt, ehe er Hilfe holen kann? Das ist doch absurd!

Es musste angesichts der Verletzungen von einem gewaltsamen Tod ausgegangen werden, Mord (Totschlag, Körperverletzung mit Todesfolge...) oder Selbstmord. Letzteres ist bei Asylbewerbern leider nicht auszuschließen, traumatische Fluchterfahrung, Angst vor Ausweisung oder erneuter Verfolgung durch Pegida-Anhänger kann einen jungen Mann in die Verzweiflung treiben. Aber ist er vom Dach oder einem hohen Stockwerk gesprungen? Passen die Verletzungen, seine Lage zu dieser Vermutung? Gibt es einen Abschiedsbrief, ein offenes Fenster, usw? Er kann aber genauso gut aus dem Fenster gestoßen worden sein, oder wurde im Innenhof verprügelt mit Baseballschlägern und ist dann verblutet. All das nur zum Thema "Schlüsselbeinfraktur".

Also erwarte ich bei so einer Annahme, dass der Tatort und die Leiche genau untersucht werden. Dafür gibt es die Obduktion und die Spurensicherung. Dass schon der Arzt vor Ort eine Stichverletzung nicht von einem offenen Bruch unterscheiden kann, und dazu auch noch Stiche im Brustbereich übersieht, dass die Spurensicherung erst 30 Stunden später eintrifft - das ist absolut jenseits meiner Vorstellungskraft. Völlig zu recht will der Grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck das jetzt im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens prüfen lassen, ob das eigentlich noch Schlamperei ist, oder schon Strafvereitelung durch Unterlassen. Er erstattete Anzeige gegen Unbekannt.

Damit sind die Erwartungen jetzt doppelt so hoch: Die Ermittler müssen den Tod von Khaled I. aufklären - und sie müssen ihr eigenes Versagen in der Anfangsphase der Ermittlungsarbeit erklären, womöglich dazu gerade stehen. Spätestens seit der kaum glaublichen Schlamperei bei den rassistischen Morden des NSU kann es nicht sein, dass deutsche Polizisten bei Mordopfern anderer Hautfarbe nicht ganz so genau hinsehen zu müssen meinen. Das verunsichert nicht nur, das macht richtig wütend.

Zum Schluss aber tatsächlich ein riesiges Dankeschön an die vielgescholtene Presse. Selbst Lokalmedien müssen sich permanent widerwärtiger Anfeindungen erwehren, zu denen das Unwort des Jahres 2014 "Lügenpresse" noch zu den harmloseren gehören. Doch diesmal war es die Dresdener Mopo24 mit ihrem Redakteur Sebastian Günther, die genau zum richtigen Zeitpunkt genau die richtigen Fragen gestellt haben. Die Dresdener können ihrer Zeitung dankbar sein, ich bin es jedenfalls.

Heidelbaer

P.S. Soweit ich lese, konzentrieren sich die Ermittlungen nun auf das Umfeld des Opfers, also seine ebenfalls geflüchteten Mitbewohner. Es waren aber genau die, die Presse, Facebook und Freunde auf einen gewaltsamen Tod von Khaled I. hingewiesen, und Ermittlungen gefordert haben. Meine kriminalistische Laienmeinung macht sie damit als Täter relativ unverdächtig. Andere Optionen, die ich partout nicht denken möchte, gewinnen dadurch an Plausibilität. Zum Glück ist die vielgescholtene "Lügenpresse" dran, das nährt meine Hoffnung auf eine Aufklärung, die diesen Namen verdient. Meine Gedanken und Gebete sind bei dem Opfer und seinen Angehörigen.



Montag, Januar 12, 2015

Abers Ende

Natürlich löst die Demonstration von Millionen in Paris gegen die abscheulichen Morde in der Redaktion von Charlie Hebdo und dem Koscher Supermarkt sowie der einzelnen Polizistin nicht ein einziges der großen Probleme, die in ihrer Natur komplex, global und vielschichtig sind. Auch die Vorwürfe der Heuchelei gegen einzelne Mitmarschierende sind mir zu billig.

Ich freue mich vielmehr, dass selbst Leute, deren Ablehnung der Karikaturisten, der Polizei oder der jüdischen Gemeinde, ja selbst der Pressefreiheit als solches bekannt waren, hier eindeutig Stellung bezogen: So nicht, hier ist eine Grenze überschritten, da stehen wir zusammen und sagen Nein.

Es ist ein Nein ohne Aber. Ein Nein, das gerade wegen der sehr bunten, teils schillernden Zusammensetzung dieser Demonstration von ihrem Kopf bis zu ihren Gliedern, kompromisslos ist, weil hier ein gemeinsamer Nenner gefunden wurde. Und diese Überwindung der vielen Abers, dieses Wiederfinden einer gemeinsamen zivilisatorischen Basis, das Ende vom Whataboutismus und dem Aufrechnen und Abwägen - das könnte der historische Durchbruch sein.

Er kündigte sich an. Da ist die Streitrede von Deniz Yücel, bekannt als einer der Köpfe der satirischen Hate-Poetry Veranstaltungen. Sie wurde - und das ist wirklich bemerkenswert - sowohl von der links-alternativen taz wie auch von der konservativ-liberalen Welt veröffentlicht. Letztere entschied sich, in der Überschrift "das verlogene, beschissene Aber" zu adressieren.

Dieses Aber wirft er den "Klemmrassisten von der AfD und Pegida" genauso vor, wie denjenigen Vertretern des muslimischen "Dauerbeleidigtseins" die ihren Absagen an den Terror durch dieses hinterher geschobene Aber ein Verständnis und am Ende doch eine Art Legitimation für die Gräueltaten hinterherschieben. Es gibt kein Aber, stellt Yücel fest. Und das ist neu, und es ist richtig.

Diese Sicht, dass es einen Punkt, eine Grenze gibt, an der sich das "Aber" Sagen verbietet, könnte ansteckend wirken. So formulierten 100 Osteuropa-Kenner einen Gegenaufruf zu dem Versuch von Prominenten, Russlands Sicht des Ukraine-Konfliktes um des lieben Friedens willen stärker zu berücksichtigen. Philippika hat diesen Versuch ebenfalls kritisch behandelt.

Der Tenor ist der selbe: Man kann eine militärische Invasion, so hybrid und verschleiert man sie auch durchführt, nicht mit einem verständnisheischenden Aber rechtfertigen. Es ist eine zivilisatorische Grenze überschritten, ein Herzstück europäischer Friedensordnung. Dass militärische Mittel nicht zum Verrücken von Grenzen eingesetzt werden dürfen, und das geschlossene Verträge zu halten sind, auch wenn man sich über sie ärgert.

Da spielt es einfach keine Rolle, ob man sich hier und da gekränkt übergangen, diskriminiert oder ausgegrenzt fühlte. Ob man nun zur muslimischen Minderheit gehört oder zu den europäischen Großmächten. Die Kalaschnikow aus dem Schrank zu holen und kriegerische Gewalt zu entfesseln sind ohne Wenn und Aber verboten.

Diese Kompromisslosigkeit macht Europa stark, eint einen sonst über viele Fragen zerstrittenen Kontinent. Sie ist nicht zu verwechseln mit undifferenzierter Angst oder denkbefreitem Rassismus. Nicht die Russen, nicht die Muslime sind Feinde Europas. Sondern diejenigen Menschen, die bewusst und willentlich Grenzen überschreiten, die unsere Zivilisation vor der Barbarei schützen Davon hatten  wir weiß Gott genug in unseren Ländern, in Deutschland an erster Stelle.

Im Gegenteil: Nur wer genau hinsieht, wer differenzieren kann, der lernt rote Linien zu markieren und sich nicht von wohlklingenden Argumenteketten, gefälschten Fakten und schiefen Vergleichen verwirren, sondern sagt ein Nein ohne Aber genau da, wo es auch hingehört.

Wie wird es weitergehen? Kann man diese Tugend des Neinsagens auch außereuropäisch anwenden? In komplexen Konflikten wie zwischen Israel und den Palästinensern, im Syrischen Bürgerkrieg oder in Nigeria? Und können wir aus dem Nein zur Unmenschlichkeit doch ein Ja zu Menschlichkeit machen?

Denn ja, Europa soll ein Zuhause sein für Menschen verschiedener Kulturen und Religionen. Es soll ihr Leben und ihre Würde schützen. Ihnen Freiheit gewähren, die immer auch die Freiheit des Anderen ist. Für dieses Ja muss man auch Nein sagen können, ohne Wenn und Aber.

Heidelbaer