Donnerstag, August 28, 2014

Ist das Russlands Invasion in die Ukraine?

Nun ist sie also da, die russische Invasion. Natürlich gibt es ein Restrisiko, dass das ganze ein gigantischer Propagandabluff ist, aber man muss schon eingefleischter Verschwörungstheoretiker sein, um das für wahrscheinlich zu halten. Zu viele von einander unabhängige und bislang verlässliche Quellen belegen: Es gibt reguläre russische Soldaten auf dem Boden der Ukraine, die dort gegen reguläre ukrainische Truppen kämpfen. So etwas nennt man Invasion, so etwas nennt man Krieg. "There is a word for this" twittert Carl Bildt, immerhin der Außenminister des neutralen Schweden.

Die Invasion kommt anders, als von vielen Experten erwartet wurde. Nicht mit einem gewaltigen Schlag, der die Kräfteverhältnisse gleich in den ersten Kriegstagen entscheidend klärt, sondern tröpfchenweise, zunächst in beinahe homöopatischen Dosierungen, und kontinuierlich massiver und materiell wie personell aufwändiger.

Militärtaktisch ist das eine Option, die wenig Sinn macht, denn dieses Verfahren ist geradezu die Blaupause für einen langwierigen, verlustreichen und kaum zu gewinnenden Abnutzungskrieg. Die ukrainische Armee ist zwar der russischen unterlegen, aber gegen hier ein paar Dutzend Fallschirmjäger und dort ein paar Haubitzen und Mannschaftswagen sind sie durchaus in der Lage etwas entgegenzusetzen.

Auch wenn jetzt aus NATO Quellen zu hören ist, dass die Truppenstärke der Russen in der Ukraine auf 1000 Mann angestiegen ist, sollte das keine Größenordnung sein, die eine Armee von der Größe der ukrainischen an den Rand der Niederlage bringt. Doch regional konzentriert eingesetzt können sie natürlich Gelände gewinnen, das scheint um Mariupol und Ilovaisk zu gelingen.

Mit diesem Verfahren wird eigentlich nur sichergestellt, dass beide Seiten permanent gezwungen sind, die Einsätze zu erhöhen, ohne dass der eine oder der andere entscheidende Siege erringen kann. Denn genau dazu sind die russischen Truppen mitsamt ihrer Artillerie-Unterstützung von jenseits der Grenze zusammen mit den aus russischen Beständen aufgerüsteten Guerilla fähig: den ukrainischen Vormarsch entscheidend zu bremsen.

Auch etwas anderes ist offensichtlich: Die Zivilbevölkerung muss in dieser Art Kriegführung einen entsetzlich hohen Preis zahlen. Den Bewohnern von Donetsk und Luhansk wird es mittlerweile beinahe egal sein, wer sie regiert, wenn sie nur endlich wieder Strom, Wasser, Brot und Frieden und Sicherheit bekommen könnten.

Nur gerade das wird mit dieser russischen Taktik auf absehbare Zeit nur noch schlimmer, ja es ist zu befürchten, dass mit dem sich nun abzeichnenden Hin- und Her viele Dörfer und Stadtviertel regelrecht vom Krieg verwüstet werden. Man braucht jetzt nicht das Bild von Homs oder Aleppo an die Wand zu malen, aber schön wird das alles nicht aussehen, was am Ende übrig bleibt.

Nur: Warum? Ich sehe die russische Politik in einem Dilemma. Einen großangelegten Entscheidungskrieg gegen die Ukraine kann sich Moskau diplomatisch nicht leisten. Der Westen müsste reagieren und würde Sanktionen verhängen, die wirklich weh tun und die Zukunft des Landes und seiner Führung gefährden.

Auch militärisch ist es für so einen Feldzug eigentlich zu spät. Die ukrainische Armee hat die Phase der kompletten Demobilisierung und Desorganisation überwunden. Sie ist immer noch kein Schmuckstück, aber das ist die Armee Russlands auch nicht. Für einen Überfall ist es definitiv zu spät, der Krieg hätte einen ziemlich ungewissen Ausgang, gerade auch weil nicht klar ist, wie stark die Unterstützung der Ukraine durch den Westen dann ausfallen würde.

Auf der anderen Seite darf die Ukraine aber nicht gewinnen, sie darf die Krise im Osten nicht militärisch entscheiden. Hier haben sich die Russen ganz offensichtlich verkalkuliert. Sie haben die ukrainische Armee unterschätzt, die Freiwilligenbatallione auch - und gleichzeitig die prorussischen Kräfte überschätzt. Vor allem was die Unterstützung aus der Bevölkerung angeht.

Tatsächlich gibt es weder die erhofften Hundert- ja Tausendschaften junger kampfwilliger Männer, die sich freiwillig melden, ihren Donbass zurück zu Mütterchen Russland zu führen. Es gibt auch keine Zivilisten, die sich (wie noch in den ersten Kriegstagen) bereit finden, der ukrainischen Armee entgegenzustellen, und ihren Vormarsch zu stoppen. Stattdessen hört man Berichte wie froh Bewohner z. B. von Mariupol oder Slawiansk sind, wenn der Alptraum der Rebellenherrschaft endlich aufhört.

Da half selbst der Einsatz irregulärer Freiwilligenverbände wie des Vostok-Bataillons nichts mehr, die Rebellen waren auf der Verliererstraße, verloren den Rückhalt in der Bevölkerung und mussten vor der Entschlossenheit der ukrainischen Verbände kapitulieren. Sie brauchten immer mehr: Erst Geld, dann Versorgungsgüter, dann Waffen, dann Artillerieuntertützung und Luftabwehr, nun scheint es ohne "boots on the ground" kein Halten mehr zu geben.

Warum gibt Moskau ihnen alles, was sie brauchen? Ein militärischer Sieg der Ukraine wäre nicht nur eine Niederlage Putins. Es wäre auch das Ende der "Föderalisierung" der Ukraine, mit der er den Nachbarn an seinem Westdrift hindern will, und langfristig schwächen und an Russlands Wohlwollen binden möchte. Es ist aber vor allem die Krimfrage, die den Kreml wohl umtreibt.

Denn (Sigmar Gabriel sagte das ganz offen) so könnte ja die Lösung aussehen: Die Ukraine akzeptiert eine Föderalisierung und verzichtet auf die Krim, und Moskau knipst den Rebellen in Luhansk und Donetsk die lebenserhaltenden Maschinen aus. Und schon ist der Krieg in wenigen Wochen vorbei.

Abgesehen davon, was davon zu halten ist, dass der deutsche Vizekanzler sich zum Sprecher Putins in Europa macht, kann die Ukraine das nicht akzeptieren. Sie würde damit die Annexion eines Teils ihres Staatsgebietes akzeptieren, die gewaltsam, völkerrechtswidrig und hinterhältig durchgeführt wurde. Und gerade wegen des Schicksals der "Autonomen Region Krim" hat die Ukraine kein Interesse an einer Föderalisierung nach russischer Lesart, nämlich mit weitgehender Autonomie der einzelnen Teile mit der immanenten Gefahr weiterer Abspaltungen.

Aber gerade darin liegt die Gefahr eines militärischen Erfolges der Ukraine: wer garantiert dafür, dass im Falle eines klaren und berauschenden Sieges die ukrainischen Panzer nicht weiter in Richtung Krim rollen? Man könnte es ihnen ja nicht einmal wirklich übel nehmen, handelt es sich doch um völkerrechtlich eindeutig ukrainischen Boden. Doch dann wäre der Kriegsgeist wohl endgültig aus der Flasche (die jetzt zwar undicht scheint, aber der Korken ist ja noch drauf).

Putin hätte große Mühe die Krim zu verteidigen. Natürlich hat er dort einiges an Mannschaften, und er hat die Schwarzmeerflotte. Doch schon jetzt zu Friedenszeiten scheitert Russland dabei, die Krim über die Straße von Kerch vernünftig zu versorgen, Wartezeiten von 24h auf die Fähre sind keine Seltenheit. Ohne Nachschub aber ist sowohl die Flotte als auch die Armee am Boden nur ein paar Tage oder Wochen gut. Dann wird es kompliziert.

Putin könnte seine Krim nur halten, wenn er eine raumgreifende Offensive in das Hinterland starten würde, mit dem Ziel, die Versorgungslinien über die Brücken und Straßen zur Halbinsel voll unter Kontrolle zu bringen. Das wäre dann die wirklich echte Invasion vor der alle Angst haben. Mit schwer abzusehenden Folgen für alle Beteiligten.

Diese gilt es weiter abzuwenden. Deshalb soll der ukrainischen Armee das Siegen schwer gemacht werden, und weil das den desolaten Rebellen nicht gelingt, müssen nun russische Verbände, die sich irrtümlich oder urlaubshalber auf ukrainischem Gebiet befinden, den völligen Zusammenbruch von DNR und LNR zumindest herauszögern.

Mit erheblichen Opfern. Auf der eigenen Seite, wie die Gräber von Pskov zeigen, auf ukrainischer Seite, wie die Verluste gerade des Donbas-Bataillons in Ilovaisk zeigen, aber vor allem auch auf Seiten der Zivilisten, die nichts mehr ersehnen als ein baldiges Ende der Kämpfe. Doch das scheint ferne.

Heidelbaer

Donnerstag, August 21, 2014

Krieg gegen den IS?

In einem flammenden Apell fordert Ulf Poschardt, stellvertretender Chefredakteur der Welt, Deutschland auf, "Die Kriegserklärung des IS müssen wir annehmen". Das ist verständlich, denn die bestialische Ermordung eines journalistischen Kollegen, James Foley, dazu nur widerwärtig öffentlich inszeniert, muss doch Konsequenzen haben. Und Poschardt weiß genau welche: militärische.
Das ist im Ganzen ziemlich problematisch. Denn mit dem IS haben wir es ja gerade nicht mit einem Staat zu tun, dem man den Krieg erklären kann - und es ist auch berechtigte Frage, ob man deshalb auch eine Kriegserklärung annehmen kann. Und ob man das überhaupt sollte. Und ob militärische Mittel überhaupt geeignet sind, etwas wie den "IS" wirklich daran zu hindern, Menschen zu entführen und zu ermorden.
Die Erfahrungen, Terrobanden mit Soldaten, Panzern, Hubschaubern und Kampfjets zu besiegen, sind schlecht. In Somalia scheiterte man vollends, in Afghanistan sind berechtigte Sorgen, dass die Operation, die in einigen Regionen wohl nur zur Eigensicherung der Interventionskräfte reichte, nach ihrem Ende gerade jenen Banden, die man besiegen wollte, das Feld überlässt. Weitere Beispiele in Afrika ob nördlich in Libyen oder südlich in der Zentralafrikanischen Republik oder Mali. 
Hier und da schein man ein Durchmarschieren der Terrorgruppen verhindern zu können, aber wirklich besiegen lassen sie sich nicht. Und gleichzeitig schafft die westliche Militärpräsenz eine zusätzliche Instabilität, weil sie die regulären staatlichen Strukturen obsolet macht, einfach weil sie in ihrer westlichen (und nicht afrikanischen oder orientalischen) Organisationsstruktur effektiver, effizienter und funktionaler ist. 
Nur ist wirklich wichtig festzustellen: So schlecht die Erfahrungen bei westlichen Interventionen sind - die Alternative der Nicht-Intervention ist tatsäschlich oft noch schlechter. Als die USA aus Gründen, die wir heute bestens verstehen, beim ersten Irak-Feldzug darauf verzichteten, Saddam Hussein zu stürzen, musste die Irakische Bevölkerung, vor allem schiitische und kurdische Minderheiten einen schrecklichen Preis dafür zahlen. Dass es heute keinerlei Vertrauen der Volksgruppen zueinander gibt hat auch da eine Ursache. Also ist die Nicht-Intervention damals ebenso verantwortlich für den sich abzeichnenden Bürgerkrieg wie die Intervention gestern.
 Auch in Syrien hat der Westen entschieden, sich weitgehend herauszuhalten - die Opferzahlen unschuldiger Zivilisten, die Verwüstungen von ganzen Städten und Landstrichen spricht allem Hohn, was Interventionskräfte je hätten anrichten können. Es ist eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes, Vergleiche findet man vielleicht im 30jährigen Krieg, wenn überhaupt.
Deshalb kann die Lösung nicht darin liegen, sich abzuwenden und wegzuschauen. Diesen Vorschlag "walk away and not look back" macht Stephen Walt in Foreign Policy und findet begeisterte Zustimmung, gerade in den USA. Aber militärisch allein funktioniert es eben auch nicht. Selbst die beste Armee der Welt, die israelische, kann auf ein paar eingezäunden Quadratkilometern Gaza gleich zwei rivalisierende Terrorgruppen nicht wirklich ausschalten. Wie soll das in den endlosen Weiten der irakischen Wüsten, der kurdischen Berge, der sunnitischen Städte funktionieren?
Daher ist es wichtig, den Artikel von Poschard auch zuende zu lesen. Denn auch er weiß, dass man mit Militär den IS nicht wird besiegen können. Es müssen die Unterstützungswege identifiziert und ausgetrocknet werden. Dazu sind auch Sanktionen gegen Katar oder Saudiarabien zumindest eine Frage über, die nachgedacht werden muss. Es muss intensiv gesprochen werden, auch mit der Türkei, auch mit den kurdischen Vertretern, auch mit Vertretern der sunnitischen Seite.
Dann könnten auch gezielte militärische Maßnahmen sinnvoll sein, die Bewegungsfreiheit der IS-Kämpfer einzuschränken. Gegebenenfalls sogar um das entsetzliche Morden in Syrien zu beenden, und den IS dort wo er herkommt aus der Erfolgsspur zu werfen. Aber einfach wird das alles nicht werden. Nur kann man auch Christen, Yesiden, Kurden, Aleviten und Juden dort nicht der Willkür von völkermordenden Islamofaschisten ausliefern- oder ihren Schutz Sympathieträgern wie Assad, Khamenei oder Putin überlassen.

Heidelbaer


Dienstag, August 19, 2014

Raum für Spekulationen

Rollt er nun schon oder rollt er nicht? Erwartungsgemäß zieht sich die Geschichte um den russischen Hilfskonvoi ziemlich in die Länge. Denn von Anfang an erschien die Geschichte dubios, und spätestens als einzelne Reporter einen Blick in zum Teil gähnend leere Laderäume der LKW werfen durften ist im wörtlichen Sinne viel leerer Raum für Spekulationen vorhanden. Was genau will Russland eigentlich mit diesem Konvoi?

  1. Die erste Vermutung war: Waffen schmuggeln. Das ist nicht ohne Beispiel, das belagerte jüdische Viertel in Jerusalem wurde während des Unabhängigkeitskrieges auch über humanitäre Hilfskonvois mit Waffen und Munition versorgt. Die leeren Ladeflächen könnten ein Hinweis dafür sein, dass ursprünglich noch einiges an Beiladung geplant war, was nun fehlt, weil kontrolliert wird. Soll es später (womöglich auf ukrainischem Boden) nachgeladen werden, oder hat man diese Pläne ganz fallen gelassen? Raum für Spekulationen.
  2. Die nächste Idee: Das Ziel des Konvois ist in Wirklicheit der sichere RÜCK-Transport von russischen Söldnern womöglich regulären Einheiten aus den umzingelten Städten. Deshalb komme es auf die Hin-Fracht nicht wirklich an. Es gehe nur darum, die Landsleute vor einer in jeder Hinsicht peinlichen Festnahme nach einer möglichen Kapitulation der Separatisten rechtzeitig außer Landes zu bringen. Aber gibt es wirklich die Gewähr, dass niemand in die Laster guckt, wenn die zurückfahren? Interessant, aber ziemlich unwahrscheinlich.
  3. Ebenso konnte man lesen, dass der Konvoi einen Zwischenfall provozieren sollte, der Moskau einen Vorwand zum militärischen Eingreifen, einer regulären Invasion in der Ukraine geben sollte. Man fragt sich allerdings ob Russland wirklich einen Vorwand bräuchte, und ob ein Problem mit dem Konvoi umgekehrt vom Westen als Interventionsgrund anerkannt würde. Das scheint mir beides zweifelhaft. Vielmehr vermute ich, dass Moskau nicht intervenieren will, sondern permanent Möglichkeiten austestet, was alles unterhalb der Schwelle einer regulären Militäroperation alles möglich ist.
  4. Wahrscheinlicher ist ein anderer Plan: Der Konvoi soll eine Feuerpause erzwingen. Die Russische Seite fordert diese Waffenruhe für diesen Konvoi mit Nachdruck. Diese Feuerpause würde derzeit vor allem den Rebellen nutzen, die aktuell erheblich in Bedrängnis geraten sind. Diese Feuerpause könnte sehr wohl genutzt werden, Mannschaften und Material zu verschieben, auch ohne dass sie direkt Teil des Konvois wären. Würden diese Bewegungen beschossen, könnte man lautstark den Bruch der Feuerpause beklagen, selbst wenn der Grenzübertritt bewaffneter Einheiten auch nicht gerade im Sinne eines Waffenstillstandes ist. Aber Propaganda hat ihre eigenen Gesetze, und damit zum letzten Punkt:
  5. Meine favorisierte Spekulation: Es geht vor allem um Propaganda (dabei ist ein halbleerer LKW allerdings ein Eigentor). Dennoch geht die Rechnung im entscheidenden Punkt auf: Die Russische Seite wird nicht müde zu behaupten, die Kiever Regierung (gerne als eine Junta aus lauter Faschisten bezeichnet) betreibe einen Krieg gegen ihre eigene russischsprachige Bevölkerung. Mit dem Konvoi wird gleich ein doppeltes Ziel erreicht: Die Zivilbevölkerung wird als notleidendes Opfer der ukrainischen Militäraktion in Szene gesetzt. Ohne Hilfe von außen würden sie verhungern. Russische Seelen werden sich an den Hungergenozid der Wehrmacht gegen die Stadt St. Petersburg/Leningrad erinnern, zumal die Parallelen zwischen den Kiewer Faschisten und dem Angriff der Wehrmacht permanent gezogen werden. Und oben drauf: Moskau inszeniert sich selber als "Kümmerer" der russischen Minderheit im Donbass. Ohne uns wäre sie dem Völkermord der ukrainischen Nationalisten hilf- und wehrlos ausgeliefert.
Gehen wir davon aus, dass das letzte zutrifft, sieht man allein an der Tatsache dass Kiew sich genötigt sieht, einen eigenen Konvoi zusammenzustellen, wie erfolgreich dieser Schachzug war. Denn damit geben sie ja indirekt zu, dass die Not in den eingekreisten Städten mittlerweile groß ist. Dass dieser Konvoi aber eben erst als Reaktion auf die russischen Laster eilig improvisiert wurde gibt den Bedenken der russischsprachige Ukrainer Auftrieb, dass sich ihre Regierung um ihre Not nur kümmere, wenn sie von außen dazu unter Druck gesetzt würde. Hierzu sind der Kiewer Regierung sicherlich peinliche Fragen zu stellen - was die freie ukrainische Presse auch tut.

Letztlich ist der Propagandakrieg aber für Russland derzeit nur in ihrem Sprachraum zu gewinnen, international zählt dieser Erfolg nur mäßig. Entscheidender könnte daher tatsächlich 4. werden, ob in einer erzwungenen Feuerpause die miltiärischen Gewichte noch einmal so verschoben werden können, dass die Kapitulation der selbsternannten Republiken Donetsks und Lugansk noch aufgeschoben werden kann.

Heidelbaer

Sonntag, August 17, 2014

Der Monotheismus ist unser Unglück?

"Was haben Islam, Judentum und Christentum gemeinsam? Nur diesen einen menschenverachtenden Satz: 'Nur wir haben Recht und sind im Recht" Dieser Satz von @rc_schneider auf Twitter war mehr ein Stoßseufzer angesichts eskalierender Gewalt zwischen Israel und der Hamas, zwischen Sunniten und Schiiten in Syrien, im Irak, dem Gemetzel an den Christen und Yesiden, dem Ruf nach noch mehr Waffen und Bomben gerade auch durch konservativ-christliche Kreise hierzulande wie in den USA. Bevor ich also diesen schrecklichen Satz in seine Bestandteile zerlege und widerlege ist es mir ein Bedürfnis das hier zu sagen: Ich habe Verständnis dafür!

Ich habe Verständnis für den Frust, die Ohnmacht, die Verzweiflung die einen überwältigen kann, wenn man (gerade als Korrespondent in dieser Region) immer hinsehen muss, wie sich Religionsgruppen, die doch so wahnsinnig viel gemeinsam haben, nur noch durch die Brille des Hasses betrachten und in menschenverachtender Rechthaberei übereinander herfallen. Gerade die Berichterstatter vor Ort nehmen die Ereignisse ja nicht vom sicheren Wohnzimmersessel aus wahr, wo sie in beruhigender Entfernung über die Mattscheibe flimmern, sondern sie stehen selber mit ihren Füßen im Staub der Ruinen explodierter Bomben und Raketen, sie haben das Geheul der Sirenen in ihren eigenen Ohren und müssen entscheiden, ob sie den Angriff dokumentieren wollen - oder lieber mit ihrem Team die Schutzräume aufsuchen sollten. Sie sehen mit eigenen Augen verletzte womöglich tote Körper von Männern, Frauen und Kindern. Sie sehen trauernden Müttern in die Augen, begegnen Scharfmachern und Kriegstreibern von Angesicht zu Angesicht, und ja, wir erwarten von ihnen, dass sie genau hinsehen und genau hinhören. Und das muss man Richard C. Schneider zu Gute halten: er ist einer der genau hinsieht, genau hinhört.

Aber - auch das zeichnet Richard C. Schneider aus - er bleibt nicht im mitmenschlich-gefühligem Betroffenheitsjournalismus stecken, sondern liefert immer wieder (gerade neben den Mini-Clips in Tagesschau und Tagesthemen) Analysen und Hintergründe. Zum Beispiel in Videoblogs oder Beiträgen auf einem eigenen Blog des TLV-Studios. Das ganze wird ergänzt durch sekundenaktuelle Nachrichten auf den Sozialen Netzwerken, wie z.B. Twitter. So geht Journalismus heute. Und gerade weil man nüchterne Analysen in der ganzen Hitzigkeit des Nahostkonfliktes so nötig braucht wie immer, gerade deshalb muss festgestellt werden: Dieser Satz über Islam, Christentum und Judentum geht gar nicht. Er ist falsch, irreführend und gefährlich. Obwohl an ihm - leider - auch etwas Wahres dran ist. Doch das muss erklärt werden.

Zunächst die erste Behauptung, der Satz sei falsch, irreführend und sogar gefährlich. Dass er falsch ist, sollte eigentlich offensichtlich sein. So viel teilen die drei Religionen miteinander: Sie haben einen einzigen Gott, der allein Gott zu sein beansprucht, sie haben eine Heilige Schrift, sie haben die Verehrung Abrahams als ihren Stammvater, sie kennen die Geschichte von Adam und Eva, die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern und viele andere Erzählungen gemeinsamer Väter.

Die Irreführung besteht gerade darin, dass dies alles als Rechthaberei ausgelegt wird. Unser Gott ist der wahre und einzige Gott, unsere Schrift ist die einzig wahrhaft Heilige, unsere Version von den Geschichten der Väter ist die einzig richtige. Natürlich kann ein Rechthaber aus allem eine Rechthaberei machen - und in Glaubensdingen erscheint das besonders prekär, weil die Beweisführung für das Gegenteil bekanntlich schwierig ist. Aber das Rechthaberische ist nichts, was diesen Religionen nun besonders eigen wäre. Etwa, dass Menschen, die gewöhnlich ganz tolerante und liebenswerte Personen wären, erst durch ihren Glauben nun zu rechthaberischen Menschenfeinden würden. Dazu ist das Gegenteil oft genug geschehen: Das Menschen gerade durch ihren Glauben zu sozialeren, geduldigeren und ja auch toleranteren Personen werden.

Auch Historisch ist die Gleichung: Monotheismus = Rechthaberei und Menschenverachtung schlicht falsch. Im Gegenteil, der Monotheismus hat den Boden für die Menschenrechte geebnet. Denn waren vorher die Völker jeweils Kinder eines Gottes (und andere Völker Kinder eines anderen Gottes), so nahm der Monotheismus zum ersten Male an, dass alle Menschen Kinder des einen selben Gottes seien. Von da aus ist es (gedanklich, leider nicht historisch) zu dem Satz: "Alle Menschen sind gleich und frei" nur noch ein kleiner Schritt. Dennoch ist leicht zu erkennen, dass die bestialischten Menschenvernichtungen des letzten Jahrhunderts immer auch mit einer Demontage des monotheistischen Glaubens einhergingen.

Das macht den Satz gefährlich. Schon mehrfach wurde der Glaube an den einen Gott abgetan als antiquiert und abergläubisch, die Wissenschaft (ob Rassetheorie oder dialektischer und historischer Materialismus) wurde vorangestellt, oft gepaart mit Führerkult als Relgionsersatz. Und dann wurde gemordet, weil das Menschenmaterial keine Würde mehr hatte, sondern Selektiert, sortiert und bei Missfallen vernichtet werden durfte. Speziell natürlich die, die diese neue objektive wissenschaftlich erwiesene Wahrheit anzweifelten. Und natürlich die Juden, der lebendige Beweis der Treue des einen Gottes zu seinem einen Volk.

Es ist deshalb keineswegs unproblematisch, dass sich in der öffentlichen (vor allem der veröffentlichten) Meinung in Deutschland immer mehr durchsetzt, dass Religion etwas tendenziell gefährliches, irrationales und gleichzeitig rechthaberisches und aggresives sei, vor dem man sich und seine Kinder schützen müsse. Unser Grundgesetz wurde bewusst in Verantwortung vor Gott und den Menschen formuliert, und die Behauptung, es funktioniere ohne Gott gewiss besser, wartet noch auf eine Bestätigung - die atheistischen Experimente der Vergangenheit machen aber wenig Hoffnung.

Und trotzdem: An dem Schneider'schen Seufzer ist ja etwas Wahres dran. Auch wenn es den Religionen in ihrer Geschichte und auch in der Mehrheit ihrer Gläubigen nicht eigen und schon gar nicht als typisch zu bezeichnen ist - die Rechthaberei hat wie ein Virus alle infiziert, und zeigt schreckliche Symptome.

Der Islam, der über Jahrhunderte eine Kultur der Toleranz und des Nebeneinanders lebte, begegnet uns mehr und mehr in der Fratze eines intoleranten, gewaltbereiten und rechthaberischen Islamismus, der die Webseiten und Foren, die Gespräche und Nachrichten überflutet.

Das Christentum, für seine Feindesliebe oft verspottet, erlebt einen Niedergang der etablierten Kirchen und ein Aufblühen evangelikaler und oft fundamentalistischer Freikirchen US-amerikanischen Zuschnitts, die nicht selten einen strammen neokonservativen Impetus politischer Art mit sich bringen. Wer hören will, dass das verheißene Land Gottes an Israel eigentlich bis Damaskus gehe, muss bei den Christen nachlesen, so scheint es zumindest.

Und selbst das Judentum, in Jahrtausenden der Diaspora in der Rolle dessen geübt, der um des schieren eigenen Überlebens willen an einem gedeihlichen Miteinander aller Religionen immer interessiert war, begegnet uns im Gewande nationalreligiöser Parteien in Israel plötzlich arrogant, selbstgerecht, ja geradezu herrisch und intolerant.

Wie konnte das passieren? Viele der Gründe sind wohl nicht in den Religionen selbst zu suchen, sondern in den politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Konflikten rund um diese Religionen herum. Wenn aber überhaupt eine religionsgeschichtliche Antwort zu geben wäre, dann müsste man selbstkritisch feststellen: es ist wohl der Protestantismus, der die Rechthaberei in religiösen Fragen so vehement eingeführt hat.

Natürlich könnte man auch Mose, Elia, Paulus und Mohammed auch als olle Rechthaber bezeichnen, aber wie oben gezeigt spielte Rechthaberei in den Religionen nach ihnen keine so große Rolle, nachdem Anfangszwistigkeiten ausgeräumt waren. Doch mit dem Protestantismus bekam das rechthaberische Element eine demokratische Dimension: Der Widerspruch gegen etablierte religiöse Autoritäten war plötzlich richtig, legitim, ja heiliges Recht und sogar Pflicht der Gläubigen.

Diese Kultur des demokratischen Widerspruchs wollen wir heute nicht missen, sie macht die westliche Welt zur innovativsten und wissenschaftlich wie wirtschaftlich erfolgreichsten. Es besser zu wissen als die Alten treibt die Neuerung voran. Diese Besserwisserei treibt auch unsere politischen Prozesse an. Die Opposition wird immer behaupten, sie wisse nun genau wie wirtschaftlicher Aufschwung und soziale Gerechtigkeit miteinander in Einklang zu bringen seien, wie Sicherheit und Freiheit die perfekte Balance fänden und so weiter.

In der Religion hat sich diese Besserwisserei vom evangelischen Christentum auch auf katholische Christen, auf Muslime und Juden übertragen. Es ist augenfällig, dass die lautesten Vertreter des Fundamentalismus' weder aus den etablierten Kirchen, noch aus den Kreisen muslimischer oder jüdischer Gelehrsamkeit kommen. Sie sind stattdesssen Ärzte, Ingenieure oder Manager. Blutige Laien in Fragen der Theologie. Aber mit lutherischem Pathos ausgestattet, nun zu wissen, was wahre und falsche Lehre sei. (Dabei wird vergessen, dass Luther sehr wohl Mönch, Priester und Theologieprofessor war.)

Opfer dieses Pathos wird immer zuerst die eigene Theologenschaft die (ähnlich funktionieren die Vorwürfe gegen die "Mainstreammedien") als Teil einer Verschwörung zur Verschleierung der Wahrheit dargestellt werden. Erst danach richtet sich die Polemik gegen Andersgläubige und Andersdenkende. Das Ergebnis ist bekannt: Hass, Gewalt und Blutvergießen.

Was hülfe? Ganz sicher nicht die Verteufelung von Religion im Allgemeinen oder Monotheismus im Besonderen. Gerade in der Religion und im Monotheismus ist eine große Ressource zu sehen, dem Irrsinn Einhalt zu gebieten. Was aber dringend nötig wäre, wäre eine vorsichtige Renaissance von verpönten Elementen in der Religion wie Gelehrsamkeit, Tradition, Autorität.

Das sage ich als protestantischer Theologe nicht ohne Selbstkritik - und reibe auch ein wenig meine Augen vor dem Geschriebenen. Aber was der Protestantismus neben Demokratisierung ja auch brachte war eine Alphabetisierung und Intellektualsierung. Man kann Religionsauslegung nicht jedem hemdsärmelig daherkommenden Vollidioten überlassen, der dann sagt: hier steht Kopf ab, also Kopf ab - und sogleich zur Tat schreitet. Das funktioniert weder mit Islam, noch Christentum, noch Judentum.

Das wäre mein Wunsch auch an die Journalistinnen und Journalisten. Gebt auch denjenigen mal ein Mikrofon in die Hand, die wirklich Ahnung von ihrer Religion haben. Die sind vielleicht nicht so eloquent, so cool und so schlagzeilenträchtig wie die Hemdsärmeltheologen aus der Fundi-Ecke. Aber was sie sagen, könnte helfen zur Deeskalation. Da bin ich ziemlich sicher.

Heidelbaer