Montag, Juli 14, 2014

Sommerpause

In den Sommerferien bin ich wie man auch in Zeiten von Touchscreens noch sagt. AFK, away from keyboard. Aber ich habe noch eine Menge Ideen, wozu man noch etwas schreiben müsste. Also werden wir uns wiederlesen, hoffe ich.

Bis dahin einen wundervollen Sommer - der fängt ja gut an1
Heidelbaer

Begeisterung



Ja, alle reden von Fußball, und immer wenn Kirche das auch tut, dann wird es leicht peinlich. Vor allem wenn es nur so von moralin-saurer Betroffenheit trieft. Natürlich wissen auch die wirklich eingefleischten Fußballfans, dass es erhebliche Probleme gibt. Es ist viel zu viel Geld im Spiel, und das verdirbt bekanntlich den Charakter.
Da wird schon geschummelt und bestochen bei der Vergabe der WM, es wird beim Bau der riesigen Stadien Umwelt zerstört, Geld verpulvert und womöglich am Ende eine Ruine stehen gelassen, die niemand braucht. Bei den Spielen selbst geht es für die Spieler zum Teil um Millionenverträge mit Vereinen oder Sponsoren, im Wettbetrieb werden weltweit Milliarden umgesetzt, dass dabei das eigentlich sportliche Schaden nimmt, ist gar nicht zu vermeiden. 

Und leider erleben wir auch, dass die Funktionäre, die Millionen und Milliarden hin und herschieben, aber unten, bei der zum Teil wirklich armen Bevölkerung vor Ort nur sehr wenig davon ankommt. 

Gerecht ist das nicht, das sieht wohl jeder.

Aber soll man sich deshalb den gesamten Spaß am Fußballfest rauben lassen, soll man sich enttäuscht und angewidert abwenden von dem ganzen Kommerz? Ja, das kann man gerne tun, aber es ist die Frage, ob man das auch von jedem anderen fordern kann, und das womöglich sogar für besonders christlich hält.

Denn vielleicht ist es auch ein bisschen Neid, der unsere Kirchenmänner und -frauen so missgünstig auf den Sport blicken lässt. Denn was wir erleben, wenn Deutschland ein wichtiges Fußballspiel gewinnt – oder die SG Flensburg Handewitt die Champions League im Handball: das ist echte Begeisterung.

Und das ist für uns von der Kirche deshalb so schmerzhaft, weil es das bei uns auch mal gab. Als Pfingsten der Heilige Geist ausgegossen wurde, startete für unsere Kirche ein wahres Sommermärchen, Menschen strömten zu Tausenden in die Gemeinde, Männer, Frauen, Reiche und Arme, Soldaten und Sklaven, Alte und Junge: Alle wollten dazu gehören, wollten die Apostel hören, wollten die Taufe empfangen.
Wo über den christlichen Glauben gepredigt wurde, da waren die Häuser überfüllt, die Menschen standen in Trauben vor den Fenstern und Türen um irgendetwas mitzubekommen – man kann sich die Atmosphäre nur vorstellen wie beim Finale von 1954 wo die wenigen Fernseher der Nation und unzählige Radiogeräte von begeisterten, gespannten und mitfiebernden Menschen belagert wurden.

Ja, da kann man nur neidisch werden heute, denn Kirche wird heute eben kaum noch mit Begeisterung, mit Leidenschaft, mit übersprudelnder Freude und mit herbeiströmenden Menschenmassen in Verbindung gebracht. 

Nur: in dem man das andere miesmacht, wird man selber auch nicht wirklich attraktiver. Im Gegenteil, bei aller berechtigten Kritik bleibt der fade, spaßfeindliche und besserwisserische Nachgeschmack auf der Zunge. Mit anderen Worten: Mit unseren Moralpredigten machen wir es nur noch schlimmer. Kein Wunder, wenn Kirche als langweilig und öde wahrgenommen wird, die Gottesdienste nur noch von einer Handvoll Leuten besucht werden und die Menschen kirchlichen Amtsträgern bei ihren öffentlichen Äußerungen kaum noch zuhören.

Stattdessen sollten wir uns auf den Weg machen, der Begeisterung wieder Raum zu geben. Denn der Geist Gottes ist immer noch derselbe, und auch unsere Botschaft ist immer noch sensationell: Dass es einen Gott gibt, dem wir nicht egal sind, der uns nicht vor unerfüllbare Bedingungen stellt, sondern der uns liebt, und alles für uns gibt.
Und genau darum bemühen wir uns in unserer Kirchengemeinde: Für diese Botschaft neue Formen zu finden. Einen Raum dafür zu schaffen, Glauben lebendig zu leben, auch mit Spaß und Begeisterung. Dazu zählen zum Beispiel unsere Open Air Gottesdienste: Zum Himmelfahrtsgottesdienst kamen über hundert Menschen. Dazu zählen aber auch unser Konfi-Camp, die Gruppen von Klein bis Groß in denen Menschen einander begegnen und Lebensfreude teilen, ob im Spielen, im Singen, Musizieren, bei den Pfadfindern oder im Altenkreis. 

Begeisterung ist kein Fremdwort für unsere Gemeinde, und unsere Angebote werden immer besser: Neuerdings gibt es Jugendgottesdienste, es gibt die fröhlich bunte Sommerkirche und wir arbeiten an einem Gottesdienst in moderner Form – lesen Sie alles darüber in unserem Kirchenboten. 

Die WM ist bald vorbei, aber wir bleiben hier und unser Angebot ist hier vor Ort – und in der Regel sogar gratis.
Probieren Sie es doch mal aus!

Ihr Pastor Heidelbaer

P.S. Bei aller Begeisterung: Ihre Kirchengemeinde ist auch für Sie da, wenn es traurig oder ernst wird. Wenn Sie Sorgen haben oder in Not sind, in Krankheit oder Trauer: rufen Sie uns an.

Dieser Artikel wurde in unserem Kirchenboten als Titelthema für den Sommerbrief 2014 geschrieben und gedruckt. Aus Anlass der großartigen Weltmeisterschaft veröffentlichen wir ihn hier.

Samstag, Juli 12, 2014

Macht Kiew zur Kulturhauptstadt Europas 2020!

Ja, das ist noch lange hin, aber alle Titel bis 2020 sind schon vergeben, aber dort ist noch ein Platz frei, speziell für ein (Noch-)Nichtmitglied der EU. Also Kiew. Unbedingt.

Die Gründe muss man nicht erklären: Kiew ist ein neuer europäischer Schmelztigel aus Ost und West, durch den Zuzug russischer Dissidenten, vergraulter Tataren aus der Krim, westeuropäischer Intellektueller und künstlerischer Maidan-Sympathisanten.

Kiew hat Geschichte, Kiew hat Kultur, Kiew hat Architektur und eine summende Atmosphäre des Aufbruchs nach Europa. Diese Kräfte gilt es zu unterstützen, diese Aspekte verdienen eine große europäische Bühne.

Denn gleichzeitig kann man damit dem anderen Kiew die Schlagzeilen stehlen: dem Rechten Sektor, dem miefigen Nationalismus, der pseudo-christlichen Verachtung für Randgruppen speziell aus dem LGBT Millieu.

Kiew braucht jetzt Perspektiven im Westen, und Kulturhauptstadt wäre davon doch nicht die Schlechteste!

Donnerstag, Juli 10, 2014

Gibt es ein Wunder von Rio?

 Ja, auch der Heidelbaer schreibt etwas zur WM. Nicht weil ihm die Kinder in Gaza, die Atomkraftwerke in Israel, die Millionen Syrer und Ukrainer egal wären. Sondern weil es ein Leben außerhalb der grausamen Politik gibt. Auch der unermüdliche Richard Schneider verkündet Twitterpausen während der WM-Spiele. Gut so. Wer keine Zeit für Nebensachen hat, wird in den wirklich wichtigen Fragen des Leben irgenwann verbissen und humorlos - und dann werden sie garantiert unlösbar.

Lösbar scheint die Aufgabe für die deutsche Mannschaft im Finale zu sein. So brillant gewannen sie gegen den Mitfavoriten Brasilien, so dürftig, ja armselig präsentierten sich die potentiellen Gegner im anderen Halbfinale. Wer nun etwas anderes als einen strahlenden Sieg Deutschlands im Finale erwartet, muss ganz offensichtlich zu den bemühten Beschwichtigern gehören - oder zu kritikversessenen Miesmachern, die alles einfach nur schlechtreden müssen. Beides liegt mir nicht - und trotzdem behaupte ich: Um den Titel zu holen braucht Deutschland das Wunder von Rio. Warum?

Rückblick Halbfinale: BRAGER war wirklich unglaublich. Ich sehe hier tatsächlich auch einen Fehler beim brasilianischen Trainer, der seine Mannschaft auf ein frühes Tor getrimmt haben dürfte (oder waren die Männer durch die Manege so euphorisiert, dass sie sofort nach vorne gerannt sind?). Jedenfalls waren die ersten 5-10 min ein brasilianischer Sturmlauf, als ginge es um die letzen 90 sec der Nachspielzeit. Das ist in einer so frühen Phase des Spiels eher... ungewöhnlich. Und vor allem mit Risiko behaftet. Die deutsche Mannschaft schüttelte sich kurz, sortierte sich gut, und spielte Konter. Einer der ersten davon führte zur Ecke, Standard, Flanke, Volley, Tor. Anders als viele andere Beobachter habe ich bereits nach dem 1:0 keine brasilianische Weltmeisterschaftsmannschaft mehr gesehen. Die wirkten wriklich so, als hätten sie das 1:0 in der letzten Minute der Nachspielzeit kassiert. Das heißt, sie rannten weiter kopflos nach vorne, um schnell den Ausgleich noch hinzubekommen, zusätzlich wirkten sie tatsächlich so müde und ausgepumpt, als wäre es die 92. Spielminute.

Es gab ganz offensichtlich keinen Plan B, keinen, der sagte: so Jungs, das Spiel ist jung, jetzt sortieren wir als erstes mal unsere Abwehr, dann konsolidieren wir das Mittelfeld, und dann gucken wir mal, ob nicht vorne noch was geht. Im Handball hätte man eine Auszeit nehmen müssen, im Fußball hilft da nur eine frühe Auswechselung, aber nichts dergleichen passierte. So steigerten sich brasilianische Panik, Kopflosigkeit und Erschöpfung parallel zum deutschen Torrausch. Der Rest ist bekannt.

Aber nüchtern betrachtet muss man sagen: Muster ohne Wert. Das war ein Trainingsspiel, das waren Regionalliga-Amateure, die man da abgeschossen hat, es brauchte nur ein bissl taktische Disziplin, einen Schluck Technik und Ballbeherrschung und man konnte Zauberfußball zelebrieren. Das ist blamabel für die Brasilianer, denn so geht Profifußball nicht. Sorry.

Das zweite Halbfinale hätte ja nun unterschiedlicher nicht sein können: Was Brasilien an taktischer Disziplin fehlen ließt, hatten Holland und Argentinien eindeutig zu viel. Viel zu viel. Ballkontrolle total, bloß kein Risiko, wie beide Mannschaften den Ball immer wieder in die eigene Hälfte passten, um ihn bloß nicht zu verlieren, war beinahe unerträglich anzuschauen. Die Systeme wurden starr, beinahe sklavisch eingehalten, Verschiebungen fanden bestenfalls in der Horizontalen statt, aber dass mal wer mit aufrückte um in einer Angriffssituation auch mal eine Überzahl zu erzeugen, habe ich kein einziges Mal beobachtet (kann sein, dass ich vereinzelte Aktionen dieser Art übersehen habe, weil mir zwischendurch die Augen zufielen).

Wenn überhaupt, fanden diese Bewegungen rückwärts statt, dass dann die ein zwei Spieler, die vorne etwas reißen sollten mit sieben oder acht Gegenspielern zu kämpfen hatten, keinerlei Unterstützung von ihrem eigenen Team erhielten und sich deshalb entweder festrannten, den Ball verloren oder - ach ja, das geht ja auch noch - nach hinten passten. Um einen Angriff aufzubauen? Nein, eben nicht. Das Schlimme ist: So blieben selbst Standards Mangelware. In dieser trostlosen Unterzahl können selbst Robben und Messi schon bei der Aufgabe verzweifeln, einen Freistoß oder wenigstens eine Ecke zu schinden. So versandete auch die letzte Hoffnung ein Tor aus einer Standardsituation könnte zumindest eine Seite zwingen, ihr starres Defensivgeschiebe ein ganz klein bisschen aufzuweichen.

Ganz offensichtlich haben beide Mannschaften und Trainer den brasilianischen Untergang genau analysiert, und haben sich darauf eingeschworen: wir werden nie, nie, nie unsere defensive Ordnung, unsere taktische Disziplin aufgeben - nicht einmal in der 90. Sekunde der Nachspielzeit. Auch hier ist das Ergebnis bekannt.

Was bedeutet das für das Finale? Nichts Gutes! Denn Argentinien ist mit dieser Taktik weitergekommen (und für sie spielt es keine Rolle, das Holland mit der gleichen Taktik ausgeschieden ist), und nichts, wirklich gar nichts spricht dafür, dass sie das im alles entscheidenden Spiel großartig ändern werden. Denn sie werden in der Vorbereitung noch einmal das Spiel Deutschlands gegen Brasilien anschauen. Und werden sagen: so geht es also nicht. Und sie werden sich die Spiele gegen Algerien und Nigeria ansehen und sagen: Aha. Das können wir auch. Vielleicht sogar einen Tick besser.

Denn unsere glänzenden Raumausstattermeister da vorne sehen längst nicht mehr so genial aus, wenn die gegnerische Maurerinnung alles zubetoniert. Gegen extrem defensiv aufgestellte Mannschaften waren Jogis Jungs auch in dieser WM "stets bemüht". Nur anders als Nigeria oder Algerien haben die Argentinier einen Messi, der aus jedem beliebigen Konter ein Tor machen kann. Neuer hin oder her. Die Lösung wäre: Deutschland spielt wie Holland, selbst in Ballbesitz hinten keine Lücken lassen, bloß beim Anrennen gegen das argentinische Abwehrbollwerk nicht leichtsinnig werden, ja nicht zu weit aufrücken, nur keine Konter zulassen.

Nur: dieses Spiel kann diese Mannschaft gar nicht so gut. Es könnte dabei also genau so ein Grottenkick dabei herauskommen wie wir ihn gerade im zweiten Halbfinale gesehen haben, statt eines Zauberfußballs aus dem ersten. Und es kann dabei sogar leicht eine Niederlage Deutschlands herauskommen, weil die alte Weisheit gilt (übertragen gesehen): Diskutiere nie mit Idioten, erst ziehen sie dich auf ihr Niveau, dann schlagen sie dich mit Erfahrung.

Aber vielleicht passiert auch das Wunder von Rio, und Mesut Özil packt wirklich mal seine Genialität aus, und findet Lücken in der Abwehr, die es eigentlich gar nicht gibt, und Müller schafft sich Räume aus dem Nichts oder man schindet doch einen Standard, den Klose oder Hummels über die Linie nicken. Ein noch viel größeres Wunder wäre allerdings, wenn Argentinien versuchen würde, Fußball zu spielen. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

ZORA

Mittwoch, Juli 02, 2014

Truth or Dare - Tat oder Wahrheit

John Kerry ist nicht zu beneiden. Sein Großprojekt Friedensprozess zwischen Israel und Palästina ist sang- und klanglos untergegangen. Abbas, der es wie kein zweiter versteht, auf allen Hochzeiten zu tanzen, hat parallel zu den Verhandlungen mit einer Politik der Nadelstiche Israels Regierung mit immer neuen symbolpolitischen Maßnahmen provoziert. Zuletzt mit der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit, der ganz offenkundig jegliche Geschäftsgrundlage fehlt, denn von einer Versöhnung zwischen Hamas und Fatah kann ja keine Rede sein. Ganz im Gegenteil, das Misstrauen ist überall zu spüren, und die bereitwillige Unterstützung von Abbas' Fatah bei den Aktionen der israelischen Armee gegen Hamas wird das nicht besser machen. Auch wenn es vordergründig um die Befreiung der entführten Teenager geht, wird in der Westbank eine große Operation gegen die Hamas, ihre Führungskräfte, ihre Unterstützer und ihre Strukturen durchgeführt. Parallel dazu nimmt Hamas den Raketenterror wieder auf, preist und feiert die Entführung jugendlicher Israelis als Erfolg im Kampf gegen den Siedlungsbau. Nationale Einheit sieht anders aus. Und es ist ausgeschlossen, dass Israel einen Friedensvertrag mit einer Palästinenserregierung unterschreibt, die von Hamas (mit)getragen wird. Kerrys Prestigeprojekt ist quasi atomisiert.

Aber wenn wir die Frage nach Tat oder Wahrheit stellen: Was ist die Konsequenz? Bekommen Israel oder die Palästinenser nun einen Dollar weniger an Hilfe? Werden womöglich Sanktionen verhängt, Konten gesperrt, diplomatische Daumenschrauben angelegt? Statt Tat folgte eine bittere Wahrheit: die USA zahlen artig weiter, genauso wie UN, EU und andere, bleiben aber angesichts der verfahrenen Situation hilflos und die Beteiligten machen einfach, was sie wollen, kooperieren, wo es ihnen nützt, und gleich danach beschimpfen sie die Gegenseite lauthals als Rassisten, Antisemiten, Terroristen oder Nazis - und handeln auch dementsprechend: mit roher Gewalt.

Ein weiteres, wirklich wichtiges Projekt sollte ja die Pazifikregion sein. Gute Idee, eigentlich. China wächst und wächst und wächst. Je früher es gelingt, es zu einem Partner zu machen, der sich seiner Verantwortung bewusst ist, und gemeinsam mit den USA für Frieden, Wachstum, Wohlstand und freien Handel in der Region sorgt, vielleicht auch seine eigenen Probleme mit Minderheiten und Menschenrechtsfragen etwas weniger verbissen angehen kann - desto besser. Aber nichts deutet darauf hin. Das staatliche Schweigegebot zum Jahrestag des Tienanmen-Massakers steht nur beispielhaft dafür, dass in China alles mögliche auf der Tagesordnung steht, aber sicher keine Liberalisierung der Gesellschaft oder gar des politischen Diskurses. Und die militärischen Muskelspiele in den Inselstreitigkeiten mit Japan, den Philippinen, Vietnam und indirekt auch immer den USA lassen nur einen Schluss zu: Es gibt keine wirklich funktionierende Sicherheitskooperation, sondern ein eine Konfrontation, die stetig an Schärfe zunimmt.

In der Frage Tat oder Wahrheit scheint es momentan allein Peking vorbehalten, Fakten zu schaffen, während die USA diplomatische Erklärungen abgeben, bei denen ihre Verbündeten dort zunehmend nervös fragen, welche Taten denn Washington seinen Worten würde folgen lassen, wenn es denn wirklich ernst würde. Allein die Ungewissheit ist ein Gift, dass sehr langsam wirkt, aber geeignet ist die gesamte Sicherheitsarchitektur Ost- und Südostasiens zu zersetzen.

Syrien darf in dieser Liste nicht fehlen. Die von Obama definierte rote Linie ist geradezu ein Paradebeispiel für Truth or Dare. He didn't dare. Keine Taten folgten den Worten, und auch wenn man im Grunde einen großen Erfolg der US-Außenpolitik feiern könnte, bleibt dieses Einknicken Obamas am Ende hängen. Tatsächlich hätte kaum einer für möglich gehalten, die syrischen Chemiewaffen ohne Einsatz von Gewalt, ohne Bombardements und Bodentruppen vernichten zu können - und doch wurde gerade erst von unabhängiger Seite bestätigt, dass genau dieses gelungen ist.

Doch so richtig freuen mag sich keiner, denn nun wird eben konventionell weitergemordet, und die schützende Hand, die der kontrollierte Abzug des Giftarsenals brauchte, hat Assad erfolgreich genutzt, seine Stellung erheblich zu festigen und auszubauen. Er konnte also von seinem C-Waffen Einsatz profitieren, statt ihn mit seinem Leben oder wenigstens seiner politischen Macht zu bezahlen. Das ist nicht das, was andere Potentaten davon abhalten dürfte, die Rote Linie zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen künftig einfach zu ignorieren.

Und wäre die menschenverachtende und menschenvernichtende schiitische Mörderallianz aus Assad, Hisbollah und iranischen Quds-Brigaden nicht schon schlimm genug, formiert sich mit ISIL im irakisch-syrischen Grenzgebiet die Nemesis der amerikanischen Außenpolitik: Zu allem entschlossene Sunni-Fundamentalisten, die eine blutige Spur bestialischer Grausamkeit durch beide Länder ziehen - und sich gerade damit Respekt verschaffen: Anerkennung bei den Sunniten, die sich von den schiitisch-alawitischen Machthabern gedemütigt fühlten - und nackte Angst bei denen, die auf ihrer Todesliste ganz oben stehen: Säkulare, Christen, Minderheiten.

Und stellen damit die USA vor die nächste "Tat oder Wahrheit" Frage: Wollen sie das von ihnen installierte Regime in Bagdad stützen? Das aber sucht sein Heil vor allem in der Religiosierung des Konflikts und mobilisiert die schiitischen Massen. Und als wäre das nicht schlimm genug, sucht es den Schulterschluss mit Iran und sogar Syrien. Sollen die USA wirklich eine schiitisch fundamentalistische Achse vom Mittelmeer bis an die Grenze Afghanistans herbeibomben, mit Diktatoren, die die Vernichtung Israels, die Steinigung von Ehebrechern und den Einsatz von Giftgas gegen die eigene Zivilbevölkerung im Programm haben? Oder sollen sie ISIL das Feld überlassen, was wahrscheinlich auch Irak zum failed state machen würde, und sie sicher die letzten Verbündeten in Iraks derzeitiger Regierung kosten würde? Oder sollen sie (Gott bewahre!) wieder einmarschieren und gegen beide Feinde kämpfen, um die Kontrolle zurückzuerlangen und die Einheit und Säkularität des irakischen Staates zu retten?

Als wäre das nicht genug, brennt es auch in Europa lichterloh. Die Invasion samt Annexion auf der Krim hat Putin auf eine Welle nationaler Begeisterung gehoben, hat die Europäer in jeder Hinsicht kalt erwischt (schließlich geht es dabei auch um das Gas zum Heizen des halben Kontinents) und wie alle Osteuropäer verlassen sich die Ukrainer lieber auf die USA als auf die EU, wenn es um ihre Sicherheit geht. Und da gab es ja auch mal so ein Memorandum, das man zumindest so lesen könnte, als würden die USA diese Verantwortung auch übernommen haben (das sogenannte Budapester Memorandum). Und nun?

Angesichts der europäischen Zögerlichkeit, die von amerikanischer Seite ja durchaus erwartet wurde (es gibt da ein berühmtes Nuland-Zitat), steht die US-Außenpolitik also wieder vor einer Truth-or-Dare Frage. Soll man Putin entschlossen entgegentreten, soll man in Osteuropa Truppen stationieren, die Planung für das Raketenabwehrsystem wieder aufnehmen und den Europäern eine NATO Beitrittsperspektive für Ukraine, Georgien und Moldawien abtrotzen um Russland die Stirn zu bieten? Soll man wirklich substantielle Sanktionen verhängen, die nicht nur einzelne Personen, sondern Kapital- und Warenströme zum versiegen bringen?

Auch unterhalb der Kriegserklärung und nuklearen Vernichtung bleibt eine Menge Drohpotential ungenutzt, und das aus gutem Grund. Wie ich es in einem früheren Beitrag schon erläutert habe, stellt sich Putin derzeit als alternativlos dar. Ihn komplett zu demontieren birgt hohe Risiken. Dazu braucht die US-Außenpolitik derzeit keinen neuen Feind namens Russland, schon gar nicht, wenn bei den Problemfeldern Afghanistan, China, Nahost, Iran und auch Afrika noch irgendein Erfolg erzielt werden soll. Ohne ein Minimum an russischem Wohlwollen, würden tonnenweise Planungen zum globalen Konfliktmanagement zu wertlosem Altpapier.

Aber die Ukraine in dieser Situation hängen zu lassen, ein Volk das zu Recht auf seine Selbstbestimmung pocht, einen Staat, der sein international garantiertes Grundrecht auf Unverletzlichkeit seiner Grenzen verteidigen will, einfach im Regen stehen zu lassen, ist ruinös für das Ansehen der USA als Garant von Völker- und Menschenrecht. Wer wird dann auf Washingtoner Garantieerklärungen noch etwas geben. Die Ukraine hat dafür auf Atomwaffen verzichtet, und Iran soll das ja auch tun.

Man braucht nicht viel Phantasie, dass es der Iran deshalb auf die nächste Tat-oder-Wahrheit Frage wird ankommen lassen. Denn kann irgend jemand sich vorstellen, dass er für Garantien ausgerechnet von Russland und den USA nun seine Nuklearrüstung einstellen würde?

Denn wie verhalten sich die USA angesichts einer so großen Zahl von Entscheidungen, in denen Klarheit der Tat oder Wahrheit der Worte verlangt wird? "BREAKING: Obama mulling with things!" wurde zu einem viralen Tweet in den sozialen Netzwerken. So wird es schwierig, sich den Respekt zu verschaffen, der es einem ersparen würde, ständig wieder neu erpresst und provoziert zu werden. Aber wo sollen die USA anfangen? Und gibt es bei dem amerikanischen Wähler Unterstützung dafür? Und will der Präsident mit Friedensnobelpreis in der Tasche wirklich einen Krieg beginnen?

Fragen, für die es auch vom Heidelbär heute keine Antworten gibt.

Kleine Aktualisierung: Mittlerweile sind die Teenager tot geborgen worden, die Aktionen der israelischen Armee gehen weiter, bewegen sich im Rahmen der üblichen Vergeltung - was nicht heißt, dass diese Routine weniger brutal und entschlossen wäre, als es die Suche war. Die Befürchtung eines Revanchemordes hängt in der Luft, Straßenschlachten in Ostjerusalem - und dröhnendes Schweigen aus Washington. Was soll man auch sagen? Stattdessen ist der Nahost Gesandte zurückgetreten, auch sein Vorgänger hatte schon entnervt aufgegeben. So sieht es aus.

Nun laufen die Atomgespräche mit Iran weiter, hier und da wird Hoffnung laut, mir fehlt die Phantasie, wie Iran in einer augenblicklichen Phase der Stärke zu so weitreichenden Kompromissen und Vertrauen in Garantien der Atommächte gebracht werden kann. Abwarten.